Die Lectio divina (lat., wörtl. „göttliche Lesung“) ist eine Methode der betenden Meditation über Bibeltexten.
Bereits die Wüstenväter übten diese Art des Schriftgebets. Eine systematische Darstellung der Methode der lectio divina ist die Schrift Scala claustralium (vor 1150) des Kartäusermönchs Guigos II. Er bezeichnet die lectio divina als Leiter der Mönche zu Gott. Anahnd des Bibelverses „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“ (Mt 7,7 EU) erläutert er die vier Stufen:
- 1. lectio (Lesung): Die aufmerksame Lesung eines Abschnitts aus der Bibel.
- 2. meditatio (Meditation): Aus dem Abschnitt wählt der Beter sich einen Vers aus, der ihn besonders anspricht. Diesen Vers wiederholt er immer wieder und meditiert über ihn.
- 3. oratio (Gebet): Die Lesung ist das Vernehmen des Wortes Gottes, die Meditation dasn Nachdenken darüber. Im Gebet folgt die Antwort auf die Anrede Gottes.
- 4. contemplatio (Kontemplation): Das Verweilen im Dialog mit Gott mündet idealerweise in die Kontemplation, in die Vereinigung mit Gott
Diese vier Stufen erinnern an die Lehre vom vierfachen Schriftsinn.
Seit der Zeit der Wüstenväter wurde die lectio divina über Jahrhunderte hinweg hauptsächlich im Mönchtum geübt. Der evangelische Theologe August Hermann Francke (1663–1727) legte die Methode des meditierenden Schriftgebets in seiner Schrift Kurzer Unterricht, wie man die Heilige Schrift zu seiner wahren Erbauung lesen sollte dar. In der katholischen Kirche entdeckten erst in jüngerer Zeit auch Christen außerhalb der Klöster diese Gebetsweise für sich. Einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung der lectio divina hat das Zweite Vatikanische Konzil geleistet, das die Bedeutung der Bibel als Wort Gottes im geistlichen Leben betont hat. Benedikt XVI. hofft, dass die lectio divina einen neuen geistlichen Frühling in der Kirche bewirkt.










