Die Menschwerdung Gottes und das Leben des Hl. Joseph (1)

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Der folgende Text wurde nach den Visionen der Seligen Anna Katharina Emmerick verfasst. Diese hochbegnadete Frau sah das Leben des Heiligen Hoseph von Nazareth, dem Nährvater Jesu. Neben den vielen Einzelheiten über diesen Größten aller männlichen Heiligen, findet sich eine wunderbare Schau der Menschwerdung Christis.

Die Kindheit des Heiligen Joseph

St_JosephJoseph, dessen Vater Jakob hieß, war der dritte von sechs Brüdern. Seine Eltern bewohnten ein großes Gebäude in Bethlehem, das ehemalige Stammhaus König Davids. Im oberen Stockwerk lebten Joseph und seine Brüder und über ihnen ihr Lehrer, ein alter Mann. Er erteilte ihnen allerlei seltsamen Unterricht, indem er Stäbe am Boden in mancherlei Figuren legte. Er ließ die Knaben in diese Figuren treten, sie zu verschiedenen Mustern neuordnen und deren Dimensionen ausmessen. So lehrte er sie Mathematik. Die Eltern kümmerten sich wenig um ihre Kinder, übertrugen deren Versorgung den Mägden und kamen mit ihnen kaum in Berührung. Doch waren sie weder unangemessen streng noch allzu weichherzig.

Joseph unterschied sich in seinem Charakter sehr von seinen Brüdern. Er lernte gut, aber er war einsilbig, fromm und ohne Ehrgeiz bei kindlichem Zeitvertreib. Da er für die üblichen Kampfspiele und Verulkungen kein interesse zeigte, hänselten ihn oft seine Brüder und schlossen ihn von ihren Mutproben aus. Die Knaben besaßen abgeteilte, kleine Gärten, in denen Kräuter, Büsche und Bäumchen wuchsen. Josephs Brüder bereiteten ihm viel Schabernack und zertraten ihm die Beete oder rissen Büsche aus. Er kniete oft mit ausgebreiteten Armen unter den Säulengängen des Vorhofes und betete gegen die Wand gekehrt. Er war dabei derart von der Gegenwart entrückt, dass er es nicht wahrnahm, wenn er angestoßen und bedroht wurde. Dieser frühreife Ernst und dieses abgesonderte Wesen mißfiel den Eltern, nach ihrer Ansicht sollte er mit seinen Talenten auf ein weltliches Amt hinarbeiten.

Um den Neckereien seiner Brüder zu entgehen, flüchtete er oft auf die andere Seite von Bethlehem zu einigen frommen Frauen, die zur Genossenschaft der Essenerinnen gehörten. Er war damals etwa zwölf Jahre alt. Diese Frauen wohnten in Felsenkammern, unterrichteten die Kinder und hielten sie zum Gebet an. In der Nähe der Felsenhöhlen besaß ein alter Zimmermann seine Werkstätte. Joseph hielt sich viel bei ihm auf, ging ihm bei seiner Arbeit zur Hand und lernte so nach und nach sein Handwerk. Er schlief immer noch in der elterlichen Wohnung, doch die Feindseligkeit seiner Brüder machte es ihm endlich unmöglich, länger dort zu bleiben.

Im Schutz der Dunkelheit und verkleidet verließ er nachts sein Vaterhaus, um sich an einem anderen Ort als Zimmermann den Lebensunterhalt zu verdienen. Damals war er etwa achtzehn Jahre alt. Er nahm zuerst Zuflucht bei seinem alten Meister in Libonah. Der war zwar selber ein armer Mann, aber er bekam mit Joseph einen jungen, kräftigen Helfer, der ihm schwere Arbeiten abnahm, für die seine eigene Kraft nicht mehr ausreichte. Seine Haupttätigkeit bestand darin, große Holzrahmen herzustellen und in diese grobe Flechtwände einzusetzen. Joseph war bei den Kunden wegen seiner gutmütigen und ehrlichen Art beliebt, seinem Meister war er demütig ergeben und verrichtete auch alle gewöhnlichen Arbeiten. Er reinigte die Werkstatt und schleppte das für die Arbeiten benötigte Holz oft von weit her.

Seine Eltern hatten anfangs geglaubt, er sei von Räubern entführt worden. Doch seine Brüder schnüffelten überall herum und entdeckten ihn schließlich in diesem elenden Viertel. Seine Familie erhob ein großes Gezeter wegen der Schande, die er durch seine ärmliche Lebensweise und sein verächtliches Handwerk über sie brachte. Doch Joseph kehrte nicht mehr ins Elternhaus zurück, er verließ Libonah, um seine angesehene Familie nicht noch weiter bloßzustellen. Er zog nach Thaanach bei Megiddo am Flüßchen Kison und trat in den Dienst eines wohlhabenden Meisters, bei dem er mit wertvollem Holz kostbare Einrichtungen herstellte.

Nach einigen Jahren zog er weiter und suchte sich in Tiberias eine andere Anstellung. So waren etwa fünfzehn Jahre vergangen, ab und zu hörte er spärliche Nachrichten aus seiner Heimatstadt, aber sie bewegten ihn nicht allzusehr. Die Eltern waren schon gestorben, zwei Brüder lebten noch in Bethlehem, die anderen waren in alle Winde zerstreut. Seine Geschwister hatten das elterliche Haus mit seiner ehrwürdigen Geschichte, den weitläufigen Räumen und schmucken Gärten verkaufen müssen. Der neue Besitzer ließ es in wenigen Jahren verkommen.

Joseph wohnte allein in einem Haus am Wasser, in der Nähe der Werkstatt. Er lebte zurückgezogen und mied zerstreuende Geselligkeit. Doch war er sehr fromm und betete nach jüdischer Sitte um die Ankunft des Messias. Er war soeben damit beschäftigt, sich einen geeigneten Raum der Wohnung zum Gebet einzurichten, als ihm ein Engel erschien. Er riet von der Ausgestaltung dieses Gebetsraumes ab und sagte ihm: "Wie der Patriach Joseph einst zum Verwalter des Getreides in Ägypten eingesetzt wurde, soll auch dir jetzt das Kornhaus des Heiles anvertraut werden." Doch Joseph verstand dies nicht und begab sich in fortgesetztes Gebet, bis er den Ruf erhielt, nach Jerusalem zum Tempel zu kommen.

 

Die Heilige Maria

Viele Jahre vorher war dem Ehepaar Joachim und Anna in dem kleinen Städtchen Nazareth ein Mädchen geboren worden, dem sie den Namen Maria gaben. Einige Wochen nach der Geburt stellten sie das Kind im Tempel dar und lösten es voll Dankbarkeit durch ein großzügiges Tieropfer aus, denn mit diesem Kind war eine lange Unfruchtbarkeit von ihnen genommen worden. Schon damals gelobten sie, das Kind nach einigen Jahren ganz dem Tempel zu weihen.

Maria war etwas über drei Jahre alt, fein und zart, doch schon von der Reife einer Fünfjährigen, als die Zeit des Abschiedes vom Elternhaus heranrückte. Sie stammte aus wohlhabender Familie und brachte dem Tempel eine reiche Mitgift. Der Tempel versprach dafür Marias Ausbildung in vielerlei Kunstfertigkeiten und den Weg zur Frömmigkeit. Von ihr wurde Gehorsam gefordert und der Verzicht auf eine große Anzahl gewohnter Speisen und Getränke, Verzicht auch auf jede Art von Bequemlichkeit und überflüssigen Luxus. Dem Vermögen der Eltern angemessen wurde sie sehr kostbar gekleidet und in einem langen Zug von Verwandten, Nachbarn und Knechten ihres Vaters nach Jerusalem geleitet. Maria hatte im Tempelgebäude ein eigenes Zimmer. Ihre Lehrerin Noemi kümmerte sich auch um ihr leibliches Wohl. Maria hielt sich entweder mit den anderen dreiundzwanzig Mägdlein in der Wohnung der Frauen oder einsam in ihrer Kammer auf, lernend, betend und arbeitend. Noemi lehrte sie weben und wirken, sie mußte Tücher für den Tempeldienst waschen und Opfergefäße vom Tierblut reinigen. Auch lernte sie die Zubereitung von Teilen des Opferfleisches als Speise für die Priester und Tempeldienerinnen.

Als nun die Jungfrau vierzehn Jahre alt geworden war, sollte sie neben anderen gleichaltrigen Mädchen zur Ehe entlassen werden. Doch zutiefst in ihrem Herzen bewegt erklärte sie den Priestern, sie habe sich Gott allein verlobt und wünsche sich nicht zu verehelichen. Es wurde ihr aber gesagt, sie müsse sich fügen. Da die Eltern Marias dem Stamme Judas aus dem Geschlecht Davids angehörten, kam für sie nach allgemeinem Brauch nur ein Ehemann aus diesem Stamm in Frage.

Der Hohepriester berief deshalb alle jungen, unverheirateten Männer, die sich in Jerusalem aufhielten und dieser Bedingung entsprachen, im Tempel zusammen. Da zu allen Jünglingen der Ruf von Marias Schönheit und Sittsamkeit gedrungen war, wünschte sich ein jeder von ihnen das glückliche Los, sie zur Braut zu erhalten. Die jungen Männer verrichteten mit den Priestern ein Gebet zum Herrn, daß er sie durch seinen heiligen Geist leite. Der allerhöchste Herr gab dem Herzen des Hohenpriesters den Gedanken ein, von jedem der Jünglinge einen dürren Zweig auf den Altar zu legen. Alle sollten dann mit lebendigem Glauben Gott anflehen, er möge erkennen lassen, wen er zum Bräutigam Marias bestimmt habe. Doch keiner der Zweige erblühte und deshalb war keiner der Jünglinge der von Gott bestimmte Bräutigam der Jungfrau.

 

Gott bestimmt Joseph zum Bräutigam Mariens

Die Priester suchten nun von neuem in den Geschlechtsregistern, ob es nicht doch noch irgendeinen Nachkommen Davids gebe, den man übersehen habe. Da sie nun sechs Brüder angezeigt fanden, von denen einer unverheiratet und verschollen war, forschten sie dem Aufenthalt Josephs nach und entdeckten ihn in Tiberias. Auf den Befehl des Hohenpriesters kam Joseph in seinen besten Kleidern nach Jerusalem zum Tempel. Auch er mußte einen Zweig in seiner Hand halten und als er diesen auf den Altar vor dem Allerheiligsten hinlegen wollte, sproßte oben eine weiße Blüte gleich einer Lilie aus ihm hervor. Nun wurde Joseph als der von Gott bestimmte Bräutigam erkannt und Maria in Gegenwart ihrer Mutter vorgestellt. Maria, ergeben in den Willen Gottes, nahm ihn demütig als Bräutigam an.

Die Hochzeit wurde in Jerusalem in einem Haus gefeiert, das oft diesem festlichen Zweck diente.. Außer den Lehrerinnen und Mitschülerinnen der Tempelschule waren auch zahlreiche Verwandte von Anna und Joachim zugegen. Die Hochzeit wurde von den Brauteltern feierlich und großzügig ausgerichtet. Nach der Feier zog Joachim mit seinen Angehörigen zurück nach Nazareth, Maria wurde eine weite Wegstrecke von ihren Gespielinnen begleitet, die mit ihr gleichzeitig aus dem Tempel entlassen worden waren. Vorher verabschiedete sie sich von den Priestern, ihrer Meisterin und den Tempeljungfrauen, sie dankte ihnen für alle im Tempel erwiesenen Wohltaten und bat sie um Verzeihung für jedes Ungemach, das sie ihnen bereitet hatte. Das Brautpaar trennte sich für kurze Zeit, Joseph ging zu Fuß in seine Heimatstadt Bethlehem, um dort Familienangelegenheiten zu ordnen. Dann traf er in Nazareth wieder mit Maria zusammen.

Das junge Paar zog in Nazareth in ein kleines Haus, das Marias Eltern gehörte und das Anna wohnlich eingerichtet hatte. Es war bei den Juden gebräuchlich, dass die Brautleute zu Beginn ihres Ehestandes einige Tage frei und ungestört in ihrer Wohnung leben und ihre Gewohnheiten und Eigenheiten beobachten, um sich leichter aneinander zu gewöhnen.

In diesen Tagen sagte Joseph zu seiner Braut: "Ich danke Gott für die Gnade, dass er dich zu meiner Braut bestimmt hat. Er hat an mir Barmherzigkeit geübt und mich nach seinem Wohlgefallen erhöht. Deshalb bitte ich deine Klugheit und Tugend, mir zu helfen, Gott mit aufrichtigem Herzen zu dienen. Ich werde dich hochschätzen und dein Diener sein." Maria hörte mit demütigem Herzen diese Worte und antwortete: "Gott hat mich zum Ehestand bestimmt. Ich freue mich, dass er dich mir zum Bräutigam gegeben hat, es ist sein Wille, dass ich dir diene. Doch schon als Kind habe ich mich Gott durch ein Gelübde geweiht, ihm treu die Keuschheit des Leibes und der Seele zu bewahren. Hilf mir bitte bei der Erfüllung dieses Vorsatzes. Wir wollen uns Gott zu einem wohlgefälligen Opfer darbringen, damit wir des ewigen Gutes teilhaftig werden."

Joseph war mit zwei Eseln über Land gezogen, um sein Handwerkszeug zu holen. Maria befand sich mit ihrer Mutter, zwei Mädchen ihres Alters und einer Verwandten im Haus. Die Frauen beschäftigten sich mit Hausarbeiten, nach dem gemeinsamen Abendessen trennten sie sich und zogen sich in ihre Schlafkammern zurück. Anna ging als geschäftige Hausmutter noch lange Zeit hin und her. Die Schlafkammer Marias lag im hinteren Teil des Hauses in der Nähe der Feuerstelle. Maria kniete sich auf ein kleines Kissen am Boden und versenkte sich ins Gebet.

 

Der Erzengel Gabriel und die Heilige Jungfrau

Plötzlich ergoss sich zu ihrer Rechten in schräger Linie von der Decke der Kammer ein Lichtstrom, in dem ein weisser, leuchtender Jüngling niederschwebte. Es war der Erzengel Gabriel. Er sagte: "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir." Maria erschrak über diese Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: "Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein, der Sohn des Höchsten genannt werden. Gott wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben." Maria sagte zu dem Engel: "Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" Der Engel antwortete ihr: "Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch deine Verwandte Elisabeth hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen. Obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich." Da sagte Maria: "Ich bin die Magd des Herrn, es geschehe, wie du gesagt hast." Nach dem Verschwinden des Engels kniete Maria in tiefer Entrückung ganz in sich versunken. Sie erlebte die Menschwerdung des verheissenen Erlösers in ihrem Leib als kleine menschliche Lichtgestalt mit allen Gliedern bis in die Fingerchen ausgebildet.

Dies war um Mitternacht. Nach einiger Zeit trat Anna mit den übrigen Frauen zu Maria herein, da sie eine wunderbare Bewegung in der Natur aus dem Schlaf erweckt hatte. Eine Lichtwolke war über dem Haus erschienen. Als sie Maria in tiefem Gebet unter der Lampe knien sahen, entfernten sie sich wieder ehrerbietig. Einige Tage nachher kehrte Joseph zurück und richtete sich seine Werkstatt im Haus der Schwiegereltern ein. Er sah sich ein wenig in Nazareth um, das er flüchtig von früher her kannte und das jetzt seine Heimat werden sollte.

 

Maria trägt den Heiland zur Base Elisabeth

Maria empfand ein grosses Verlangen, ihre Base Elisabeth in Jutta bei Hebron zu besuchen. Da Joseph am Passahfest in Jerusalem teilnehmen wollte, beschloss sie, mit ihm gemeinsam zum Fest und anschließend zu Elisabeth und Zacharias zu reisen. Sie zogen mittagwärts. Die Heimat des Zacharias in den Gebirgen Judäas war siebenundzwanzig Stunden von Nazareth entfernt, der Weg dorthin größtenteils steinig und beschwerlich. Die einzige Bequemlichkeit bot ein ärmliches Lasttier. Maria, demütig und bescheiden, stieg oft ab und bat Joseph, dass er nicht nur die Mühsal, sondern auch die Erleichterung mit ihr teile und sich gleichfalls des Lasttieres bediene. Diese Reise war die erste Pilgerfahrt des menschgewordenen Wortes auf Erden.

Am vierten Tag kam das Paar ans Ziel. Joseph ging voraus, um ihre Gastgeber vorzubereiten. Elisabeth trat sogleich mit einigen Personen ihrer Familie heraus und begrüßte Maria herzlich: "Der Herr vergelte es dir, dass du gekommen bist, mir diesen Trost zu bereiten." Dann traten sie ein. Das Haus des Zacharias stand auf einem einsamen Hügel. Andere Häuser lagen in Gruppen umher. Der PriesterZacharias war eben aus Jerusalem vom Passahfest zurückgekehrt. Da er noch stumm war, mußte er alle Fragen und Antworten auf ein Täfelchen schreiben, um sich seiner Umgebung verständlich zu machen. Elisabeth war eine große, bejahrte Frau mit feinem Gesicht, ihr Kopf war in ein Tuch gehüllt.

 

Josephs Zweifel

In einer stillen Nacht bei Mondschein trat Joseph seine Rückreise an, wobei ihn die Frauen und Zacharias ein Stück weit begleiteten. Sie schieden ganz heiter und umarmten sich, dann ging Joseph allein durch die liebliche Nacht geradewegs in sein Haus nach Nazareth. Anna und ihre Magd sorgten für sein leibliches Wohl. Maria blieb drei Monate bei Elisabeth bis nach der Geburt des Johannes, dem Beschneidungsfest wohnte sie aber nicht bei. Joseph kam ihr die Hälfte des Weges entgegen. Er bemerkte an Marias Gestalt, daß sie gesegneten Leibes war und wurde dadurch von Sorgen und Zweifeln angefochten. Er kannte nicht die Verkündigung des Erzengels, Maria hatte in schüchterner Demut das Geheimnis für sich bewahrt.

Joseph äußerte sich nicht über seine Wahrnehmung, sondern kämpfte schweigend mit seiner Angst. Marias Ernst und Nachdenklichkeit vemehrten noch die Unruhe seines Herzens. Joseph hegte eine aufrichtige und innige Liebe zu seiner Braut, durch die umgängliche und liebenswürdige Art Marias wurde dieses Band noch fester geschlungen. Neben der ehrfurchtsvollen Sorgfalt, ihr zu dienen, war es Josephs natürliches Verlangen, daß sie diese Liebe erwidere. Als ihm nun aber seine Augen ihren unerklärlichen Zustand zweifellos bezeugten, war seine Seele von Schmerz durchbohrt.

Als gerechter Mann hielt er sein Urteil zurück, obwohl er sicher wußte, daß er an der Mutterschaft seiner Braut keinen Anteil hatte und dass deshalb die Schande unvermeidich sein werde. Die peinlichste Ursache seines Schmerzes war, seine Braut verlassen und sie dadurch dem Gesetz ausliefern zu müssen. Steinigung war die Strafe der Ehebrecherinnnen. Diese Erwägungen waren wie spitze Dolche, die sein Herz verwundeten.

Als sie in Nazareth angekommen waren, verweilte Maria noch ein paar Tage bei einer Familie, die von der Mutterseite her mit ihr verwandt war. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück. Die Beunruhigung Josephs war inzwischen darart gestiegen, dass er den Entschluß faßte, Maria zu verlassen und heimlich zu entfliehen.

 

Gott offenbart Joseph Seinen heiligen Willen

Doch bei allen wichtigen Entscheidungen und beängstigenden Zweifeln trat Josephs Schutzengel aus dem Dunkel und offenbarte sich ihm in leuchtender Gestalt. Er tröstete ihn und sagte: "Joseph, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen, denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, ihm sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen." Da kehrte tiefer Friede in Josephs Seele ein. Die Schleier des Zweifels waren von ihm genommen, sein düsteres Mißtrauen war der innigen Gewißheit von Marias Treue gewichen.

Maria bereitete schon alles Nötige für die Geburt und die Bekleidung ihres Kindes vor. Verwandte und Freundinnen halfen ihr dabei. Mutter Anna stattete ihre Tochter reichlich mit allem aus, was die Gewohnheit ihres Standes erforderte. Da sie voraussetzte, Maria würde in ihrem Haus niederkommen, ordnete sie alles für die Besuche der Verwandten aufs köstlichste, dazu gehörten auch besonders schöne Decken und Teppiche.

Doch es sollte alles ganz anders kommen. In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal, damals war Quirinus Statthalter von Syrien. Jeder Mann mußte in seine Vaterstadt gehen, Joseph und Maria wurden in die Stadt des Stammes Juda, nach Bethlehem, befohlen. Sie setzten den Tag ihrer Abreise fest. Joseph suchte in Nazareth sorgfältig nach einem Lasttier, das Maria wohlbehalten nach Bethlehem tragen würde. Dann reisten sie ab.

 

Joseph und Maria ziehen nach Bethlehem

Es war mitten im Winter, was die Beschwerden und Mühsale des Weges noch vermehrte. Maria wußte, daß sie ihr Kind in Bethlehem gebären würde, aber sie schwieg darüber in Demut. Sie wußte es aus den Schriften der Propheten über die Geburt des Messias, wie sie es ihre Lehrerinnen im Tempel gelehrt hatten, doch ahnte sie damals noch nicht, wie eng sie selbst in das göttliche Erlösungswerk einbezogen war.

Maria und Joseph benötigten für ihre Reise vier Tage, abends fanden sie meist freundliche Bauern, die sie in ihren Häusern oder Scheunen übernachten ließen. Maria saß auf dem bequemen Quersattel eines Esels, der auch ihr Gepäck trug, Joseph führte das Tier. Der Weg zog sich bergauf zum Gebirge Gilboa durch schöne Obstgärten und Alleen. Sie mieden die Städte und wählten einsame Seitenpfade. In der zweiten Nacht fanden sie kein Quartier. Sie kamen im Raureif durch ein kaltes Tal. Maria fror erbärmlich und bat Joseph um eine Ruhepause. Sie rasteten unter einem großen Terebinthenbaum, Joseph breitete Decken aus für Maria, die sich an den Baum gelehnt niedersetzte. Ein Licht in einer Leuchte an einem unteren Zweig der Terebinthe verscheuchte wilde Tiere.

An ihrem letzten Reisetag fanden sie in einem großen Bauernhof Unterschlupf. Wegen einer Trauerfeier konnten sich die Gutsbesitzer nicht um sie kümmern, doch man empfing sie freundlich. Das Gesinde versorgte sie großzügig und wies ihnen einen abgesonderten Aufenthaltsort mit bequemen Schlafgelegenheiten an. Später kamen auch die Hausleute und unterhielten sich mit ihnen. Die Bauersfrau wollte Maria gerne in ihrer Wohnung behalten, damit sie hier ihre Niederkunft abwarte. Doch das Paar zog unbeirrt weiter, es trennte sie nur mehr eine dreistündige Wegstrecke von ihrem Ziel. Die Wirtsleute warnten Joseph vor den Schwierigkeiten, eine Herberge in Bethlehem zu finden, denn von weit und breit strömten Fremde nach der Davidsstadt. Doch Joseph sagte, er habe Freunde dort und werde gewiß gut aufgenommen werden.

Sie zogen um Bethlehem herum und nahten der Stadt von der Abendseite. Hier waren In einer Kaserne vor den Toren die Beamten der römischen Steuerbehörde untergebracht. Joseph kam etwas spät zur Schätzung, man behandelte ihn aber trotzdem freundlich. Sie fragten seine Vermögensverhältnisse ab und er erklärte, daß er keinen Grund besitze, sondern von seinem Handwerk und von der Unterstützung seiner Schwiegereltern lebe. Auch Maria wurde von den Schreibern gerufen, mußte aber keine Erklärung abgeben. Sie sagten Joseph, es wäre nicht nötig gewesen, daß er sein Weib mit sich geführt habe und neckten ihn wegen ihrer Jugend.

Sie zogen nun nach Bethlehem hinein, das weitläufig angelegt ist. Joseph suchte schon in den ersten Häusern ein Unterkommen, doch er kehrte unverrichteter Dinge zurück. Sie gingen weiter in die Stadt hinein, Joseph forschte abermals vergeblich von Haus zu Haus, darauf beschlossen sie, nach einem Vorort auf der anderen Seite der Stadt zu ziehen in der Hoffnung, dort ein Quartier zu finden. Schüchtern gingen sie durch eine Straße, die mehr einem Landweg glich, denn die Häuser lagen an Hügeln hingebettet. Auch hier war ihr Suchen vergebens.

Joseph irrte sich, wenn er auf Verwandte oder Bekannte hoffte. Seit er einst seinen Eltern davongelaufen war, galt er als Eigenbrötler, der sich nicht an die üblichen Bräuche hält. Nach dem finanziellen Ruin seiner Familie und dem Zwangsverkauf des Elternhauses war er für die einstigen Bekannten nur der Habenichts, auf dessen Umgang man keinen Wert legte. Er suchte nochmals von Haus zu Haus, da er aber überall die nahe Entbindung seiner Frau als Hauptgrund seiner Bitte anführte, wiesen sie ihn noch entschiedener ab.

Da erinnerte sich Joseph an einen abgelegenen Ort, an dem sie bestimmt ein Obdach finden würden. Es war eine Felsenhöhle in einem Hügel, ein Gewölbe, das von den Hirten im Sommer benützt wurde, wenn sie das Vieh in die Stadt trieben. Durch eine Türöffnung gelangte man in einen halbrunden, unregelmäßigen Raum.

 

Der Tierstall zu Bethelehem

Die Höhle bestand aus natürlichem Fels, nur an der Südseite war sie mit rohem Mauerwerk ergänzt. Vom Eingang aus konnte man einzelne Dächer und Türme von Bethlehem erkennen. In Kopfhöhe erhielt der Stall Licht und Luft durch einige ummauerte und vergitterte Löcher. In einem der Nebenräume stellte Joseph sein Lasttier unter, dann säuberte er den Hauptraum und richtete ihn für Maria notdürftig wohnlich her. Er war sehr beschämt, da er Maria hoffnungsfroh eine gute Aufnahme in seiner Heimatstadt versprochen hatte.

Der Stall sollte vorerst nur als Provisorium dienen. Sobald ein Feuer entzündet und das bescheidene Abendessen gekocht war, ging Joseph noch einmal in die Stadt, um einen letzten Bittgang zu unternehmen. Als er endlich ohne Erfolg zurückkehrte, begannen bei Maria schon die Wehen.

Von diesem letzten Besuch in Bethlehem brachte Joseph die Schwester seiner Mutter mit. Sie stand ihm von allen Verwandten am nächsten. Ihr Mann hatte ihr zwar verboten, die Obdachlosen zu beherbergen, doch ließ sie sich nicht davon abbringen, ihren Neffen zu seiner hochschwangeren Frau zu begleiten, um ihr in der schweren Stunde beizustehen. Als sie in der Höhle ankamen, war keine Zeit mehr zu verlieren. Maria war froh über die Hilfe der fremden Frau, die sie beruhigte und sachkundig alles für die Geburt herrichtete.

 

Die Geburt des Heilands

Um Mitternacht kam das Kind zur Welt. Alles ging leicht und schnell vonstatten. Joseph war weggeschickt worden, er wartete beklommen in einem Nebenraum. Er durfte aber das Kind abnabeln und in seinen Händen halten, bis das Reinigungsbad bereitet war. Bald nach der Geburt verließ sie die Verwandte aus Angst vor ihrem jähzornigen Mann und erklärte Joseph vorher noch die wichtigsten Handreichungen. An die Wand der düsteren Höhle hängte Joseph mehrere brennende Lampen. Bei seiner vergeblichen Herbergsuche hatte er in der Stadt einige Möbelstücke für die dringendsten Bedürfnisse eingekauft, einen Schemel, ein niedriges Tischchen und einige Schüsseln. Dann füllte er den Gitterkorb der Krippe mit Binsen und Moos und breitete eine Decke darüber. Diese Krippe sollte die künftige Wiege des Neugeborenen werden.

Nach der Geburt wickelte Maria das Kind ein und legte es in die Krippe, die über einem Steintrog rechts vom Eingang der Höhle stand. Joseph bereitete für seine Frau das Ruhelager und einen Sitz neben der Krippe. Die Geburt hatte Maria nicht über die Maßen erschöpft, sie kam schon bald wieder allen nötigen Arbeiten nach und half Joseph nach besten Kräften bei seinen vielfältigen Tätigkeiten. Der Himmel über Bethlehem hatte einen trüben, rötlichen Schimmer, über der Krippenhöhle lag ein glänzender Taunebel.

Anderthalb Stunden entfernt erhob sich im Tal der Hirten ein Hügel mit mehreren Hütten. In noch weiterer Entfernung befand sich ein Turm, ein Balkenwerk zwischen Bäumen auf einer Unterlage grober Feldsteine. Von hier aus beobachteten Wächter den Zug der Herden und konnten bei Gefahr vor Räubern und herumziehenden Kriegsrotten rechtzeitig durch Hörnerruf warnen. Die Familien wohnten in einzelnen mit Feldern umgebenen Höfen. Auch längs des Hügels lagen Hütten und ein größerer Schuppen, in denen einige Hirtenfrauen den Männern das Essen bereiteten. Die Herden weideten in dieser Nacht noch zum großen Teil unter freiem Himmel.

Einige Schäfer standen bewegt von der eigentümlichen Nachtstimmung vor ihrer Hütte und erblickten mit Staunen einen wundervollen Glanz über der Gegend der Krippenhöhle. Auch Hirten beim Turm waren nun plötzlich in voller Bewegung, sie stiegen auf das Gerüst und blickten gebannt nach dem seltsamen Leuchten. Wie sie nun alle zum Himmel emporblickten, senkte sich eine Lichtwolke zu ihnen nieder. Je mehr sie sich näherte, desto mehr verwandelte sie sich in Formen und Gestalten und war erfüllt von einem leisen, anschwellenden, freudig klaren Gesang.

 

Der Engel des Herrn verkündet die Frohe Botschaft

Plötzlich stand ein Engel vor ihnen und redete sie an: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt." Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: "Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade."

Als die Engel sie verlassen hatten, sagten die Hirten zueinander: "Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ." So eilten sie hin und fanden Maria und Joseph und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war.

 

Die Heiligen drei Könige

Die drei Könige stammten aus Persien, Arabien und Saba und standen wegen ihrer gemeinsamen Interessen ständig in Kontakt. Es waren aufrichtige, wahrheitsliebende Männer, von großer Gerechtigkeit in der Regierung ihrer Länder, in den Naturwissenschaften bewandert und in den heiligen Schriften des Volkes Gottes belesen. Durch ihr intensives Studium und durch sachkundige Auslegungen der Bibel waren sie zum Glauben an einen Messias gelangt und zu dem Wissen, daß die Geburt des Retters bei einer bestimmten Konstellation der Gestirne erfolgen würde, die kurz bevorstand. Auch verkündeten ihnen die Schriften, daß dieser Messias im Lande Juda zur Welt kommen würde.

Die drei Könige verständigten sich untereinander und warteten nur noch auf ein göttliches Zeichen. Dies geschah, als sie, jeder in seiner Stadt, den Himmel beobachteten und einen neuen Stern entdeckten. Er schimmerte sehr hell, obwohl er nicht so groß war wie die übrigen Sterne des Firmamentes. Sein Glanz war außergewöhnlich und von dem der Sonne und der übrigen Sterne verschieden. Er leuchtete in der Nacht wie eine hellbrennende Fackel, doch auch bei Tag im Licht der Sonne war sein überstrahlender Glanz zu sehen.

Jeder der Könige rüstete nun in Eile eine Karawane aus, übergab die Regierungsgeschäfte einem tüchtigen Minister, wählte nach vielen Erwägungen ein passendes Gastgeschenk für den Königssohn und reiste nach Juda ab in der Richtung, die der Stern vorgab. Zwei der Könige trafen sich schon nach einer kurzen Strecke, der dritte stieß erst nach einer Woche zu ihnen.

Fast einen Monat dauerte ihre abenteuerliche Reise, bis sie endlich Jerusalem vor sich sahen, eine Stadt, die hoch gegen den Himmel aufgetürmt liegt. Der Stern war hier fast verschwunden, er schimmerte nur mehr winzig hinter der Stadt. Je näher die Reisenden nach Jerusalem kamen, desto kleinmütiger wurden sie. Schon in den letzten Tagen hatte der Stern sichtlich an Glanz verloren. Sie wähnten in allen Städten überschäumenden Jubel und Feststimmung vorzufinden, doch sahen sie nirgends eine Spur von Freude über ein neugeborenes Königskind.

Die Ankunft der Könige in Jerusalem mit so großem Gefolge war zu dieser Zeit, in der kein Fest und auch kein bedeutender Markt stattfand, ganz ungewöhnlich. Wenn man die Reisenden nach ihrer Absicht fragte, sprachen sie von einem Stern und dem neugeborenen Kind. Aber kein Mensch wollte hier etwas davon verstehen. Sie fanden niemand, der so aussah, als wisse er vom Heil der Welt. Alle schauten sie ganz verwundert an und konnten nicht begreifen, was sie wollten.

 

Herodes beschließt den Messias zu töten

Unterdessen sprachen die Könige mit allerlei Leuten, die sich um sie gesammelt hatten. Einige kannten ein Gerücht von einem Kind, das in Bethlehem unter seltsamen Umständen zur Welt gekommen war, doch seine Eltern seien arme und gemeine Leute. Auch erfuhren sie, daß König Herodes nichts von der Geburt eines Königssohnes wisse, doch wurde dem Ältesten der Könige eine heimliche Audienz bei Hof gewährt.

Als Herodes von einem neugeborenen König der Juden erfuhr, wurde er sehr bestürzt und ließ noch spät in der Nacht Hohepriester und Schriftgelehrte zu sich kommen. Herodes fragte sie, wo der Messias geboren werden soll. Sie legten ihm ihre Schriftrollen vor und antworteten, in Bethlehem, denn der Prophet Micha schreibt: " Du, Bethlehem im Lande Juda, bist nicht die geringste unter den Fürsten in Juda. denn von dir wird der Herrscher ausgehen, der mein Volk regieren soll."

Dies stürzte Herodes in eine eigentümliche Unruhe, doch die Gelehrten suchten ihn auf allerlei Weise zu beschwätzen, von dem Gerede dieser Leute sei nichts zu halten, dieses abenteuerliche Volk stecke immer voll Phantastereien mit seinen Sternen.

Am nächsten Morgen ließ Herodes die drei Könige zu sich rufen. Er empfing sie in würdevollem Rahmen und versteckte seine Beunruhigung hinter einer erheuchelten Freude. Er riet ihnen, in aller Stille nach Bethlehem zu ziehen, von dieser Stadt gäbe es tatsächlich eine Weissagung. Wenn sie das Kind gefunden hätten, sollten sie zu ihm zurückkehren und Bericht erstatten, damit auch er hingehe und ihm die gebührende Ehre erweise.

Die Karawane der drei Könige zog in südlicher Richtung zum Stadttor hinaus. Kaum lag Jerusalem hinter den Reisenden, als auch der Stern wieder in vollem Glanz am Himmel erstrahlte. Er führte sie auf ruhigen Nebenwegen nach Bethlehem, denn die Hauptstraßen waren immer noch von den Heimkehrern der Volkszählung überfüllt.

 

Die Könige beten den Erlöser an

Sie näherten sich der Felsenhöhle von der Seite des Feldes her, auf dem die Engel den Hirten erschienen waren. Im Tal hinter der Krippenhöhle fanden sie einen geeigneten Lagerplatz. Sie stiegen von ihren Tieren und schlugen große Zelte auf. Es war schon ein Teil des Lagers geordnet, als die Könige den Stern hell und klar über dem Krippenhügel erscheinen sahen. Sie waren verwundert, denn hier stand weder ein Haus noch eine Hütte, doch beim Näherkommen erkannten sie im Hügel eine Türöffnung.

Einer der Könige trat ein und sah die Höhle voll von himmlischem Licht und im Hintergrund eine Frau mit einem Kind sitzen. Sogleich sagte er seinen Gefährten, daß sie am Ziel ihrer Reise angelangt wären. Joseph kam ihnen aus der Höhle entgegen und hieß sie willkommen. Sie erklärten ihm, sie seien gekommen, den neugeborenen König der Juden, dessen Stern sie gesehen, mit ihrer Aufwartung und ihren Geschenken zu ehren. Nun zogen sich die Könige zu ihrem Gefolge in ihre Zelte zurück und rüsteten sich zu der feierlichen Begegnung.

Sie hüllten sich in Prachtgewänder, darüber zogen sie große gelblich schimmernde Mäntel aus roher Seide mit langer Schleppe, die sie ungemein leicht und fein umwehten. Es waren dies immer ihre Mäntel bei religiösen Feierlichkeiten. Sie trugen breite Gürtel, an denen Lederbeutel und goldene Behälter hingen. Jedem der Könige folgten vier Begleiter aus seiner Familie und einige Diener mit einer Tafel gleich einem Präsentierteller. Als sie Joseph in schöner Ordnung bis zur Tür der Krippe gefolgt waren, stellte jeder der Könige auf diese Tafel einige der goldenen Büchsen und Gefäße, die er von seinem Gürtel löste. Diese Gaben schenkten sie gemeinsam.

Als sie in die Höhle traten, waren alle ganz trunken vor Andacht und Rührung und wie durchleuchtet von dem Licht, das den Raum erfüllte. Und doch war hier kein anderes Licht zugegen als das Licht der Welt. Einer nach dem anderen trat vor Maria und verbeugte sich tief. Die Könige waren selig, sie glaubten, in dem Stern nun selbst angekommen zu sein, nach dem ihre Vorfahren seit Jahrhunderten mit treuer Sehnsucht seufzend geschaut hatten. Alle Freude über die nun endlich erfüllte Verheissung war in ihnen.

Kaspar zog aus einem Lederbeutel, den er am Gürtel trug, eine Handvoll fingerlanger, dicker, schwerer Goldstäbe und legte diese fürstliche Gabe neben das Kind. Dieses Gold war ein Zeichen der Liebe und Treue, der unerschütterlichen, beständigen Andacht und Suche nach der heiligen Wahrheit.

Melchior ließ sich mit großer Demut auf beide Knie nieder und bot sein Geschenk dar, einen goldenen Behälter mit Weihrauchkörnern. Das Sinnbild des Weihrauchs ist die ehrerbietige Anschmiegung und das liebreiche Befolgen des göttlichen Willens.

Balthasar, der älteste der Könige, stand tief gebeugt vor Maria und dem Kinde und stellte ein goldenes Gefäß mit Myrrhe auf die Tafel. Das Sinnbild dieses Geschenks war die Abtötung und die Überwindung der Leidenschaften. Melchior gab damit zu erkennen, daß er sich selbst schweren Anfechtungen entrungen und zu edlem Menschentum gefunden hatte.

Bei all dem waren Maria und Joseph von tiefer Freude und Dankbarkeit über die Anerkennung und Verehrung des Kindes erfüllt, das sie so arm beherbergen mußten und dessen höchste Würde in ihren Herzen verschwiegen ruhte.

Die Könige brachen nach drei Tagen mit ihrem Gefolge wieder auf, doch nahmen sie nicht den Weg über Jerusalem sondern um das Tote Meer durch die Wüste. Sie hatten in den letzten Tagen sehr viel Schlimmes über Herodes gehört, über seine skrupellose, selbstherrliche Art, seine hinterhältigen Gemeinheiten und seinen blinden Ehrgeiz, jede Regung von Bedrohung seiner Macht radikal und brutal niederzuschlagen. Sie wollten nicht seine Helfershelfer werden und ihm Einzelheiten liefern über einen künftigen, gottgesandten König, in dem Herodes einen Rivalen wittern könnte.

Tatsächlich drohte auch den drei Königen selbst große Gefahr, denn Herodes hatte schon geheimen Befehl gegeben, sie bei ihrer Rückkehr von Bethlehem gefangenzunehmen, einzusperren und als Unruhestifter anzuklagen. Auch in Bethlehem war man erregt über die seltsamen Begleitumstände einer unwichtigen Geburt in der Familie armer Leute. Joseph wurde von zwei Männern ins Gerichtsgebäude gerufen und mehrmals verhört. Aus Sicherheitsgründen versperrte die Miliz den Weg nach Bethlehem. Auch drängte die Zeit, es nahte der Tag, an dem Maria und Joseph ihren Sohn nach dem Gesetz im Tempel darstellen und auslösen mußten.

Sie nahmen Abschied von den Hirten, die sie noch ein Stückweit an der Ostseite von Bethlehem herum begleiteten. Niemand bemerkte ihren Auszug. Sie ließen sich für die kurze Strecke nach Jerusalem reichlich Zeit und langten gegen Abend in einer bescheidenen Herberge am Stadtrand an.

Am nächsten Tag bereiteten sie sich gewissenhaft auf den Tempelbesuch vor und zogen dann mit einem Opferkorb und dem zur Weiterreise bepackten Esel zum Tempel. Im Vorhof kauften sie zwei Tauben, die Opfergabe der Armen. Einst bei der Darstellung Marias hatte ihr Vater Joachim den Priestern mehrere Rinder und Schafe zur Opferung überlassen. Maria traf hier Noemi, eine ihrer früheren Lehrerinnen an der Tempelschule und wurde von ihr freudig begrüßt.

 

Jesus Christus wird Gottvater geweiht

Die Opferhandlung führte ein alter Priester Simeon durch, ein hagerer Mann von großer Frömmigkeit und Herzenseinfalt. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Maria trug ihr Kind zum Altar und legte es dem Priester in die Arme. Der hob es empor und nach verschiedenen Seiten des Tempels und betete lange Zeit mit geschlossenen Augen darüber. Dann gab er es seiner Mutter zurück. Er richtete die Augen zum Himmel und pries Gott mit den Worten: " Nun läßt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit über dein Volk Israel bringt."

Joseph und Maria staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Simeon segnete sie und wandte sich an Maria: "Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen." Als Maria und Joseph alles getan hatten, was das Gesetz vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück.

Joseph trug sich immer noch mit dem Gedanken, von Nazareth wegzuzuziehen. Er fühlte sich hier nicht wohl. Er wurde zwar von den Nazarethanern nicht abfällig behandelt, sie schätzten ihn als zuverlässigen Handwerker und erteilten ihm auch genügend Aufträge. Aber er schämte sich, im Haus seiner Schwiegereltern zu wohnen, von der Freigebigkeit und ständigen Hilfsbereitschaft Annas abhängig zu sein. Ihn bedrückte das schroffe Mißverhältnis zwischen der wohlhabenden Familie seiner Frau und seiner eigenen Ärmlichkeit.

Er stammte zwar aus gutem Haus, aber seine Familie war heruntergekommen und durch Zwietracht in alle Winde zerstreut. Die vergebliche Herbergsuche in Bethlehem hatte ihm deutlich gezeigt, wie ablehend und gleichgültig ihm seine einstigen Mitbürger begegneten. Dennoch hing er noch mit allen Fasern an der Vaterstadt und wäre gern dorthin zurückgekehrt, um den guten Ruf seines Namens zurückzugewinnen. Er liebäugelte damit, sich im Tal der Hirten eine Wohnung zu zimmern und mit seiner kleinen Familie dort Fuß zu fassen.

 

Die Flucht nach Ägypten

Doch bald überstürzten sich die Ereignisse und das Schicksal trieb ihn in eine ganz andere Richtung. In einer Nacht weckte ihn sein Schutzengel, er stieß ihn an und sprach: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Agypten. Dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten." Da stand Joseph auf und floh mit Maria und Jesus nach Ägypten.

Der rasende Größenwahn des Herodes hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die Angst vor der künftigen Bedrohung seiner Macht raubte ihm den Schlaf und vergällte ihm die Freude an rauschenden Festen. In seinem Hirn krallte sich das plötzliche Auftauchen der drei fremden Könige, die Schriftauslegungen der Hohenpriester und das Wissen um die jüdische Prophetie einer Zeitenwende wie ein bösartiges Tier fest. Eine Umwälzung der Machtverhältnisse in Israel bedeutete, daß vor allem er und seine ganze üble Kumpanei der Korruption, des Wortbruchs und der Unterdrückung von einem neuen Herren weggespült würden.

Er hatte schon kurz nach der Geburt des Kindes Späher ausgeschickt und Nachforschungen anstellen lassen. Anfänglich ließ sich nichts Auffälliges feststellen. Doch nach dem Wegzug der Familie des Zimmermanns aus Bethlehem und dem plötzlichen Verschwinden der exotischen Karawanen verloren sich alle Spuren. Da ging die zum Außersten gereizte Bestie Herodes zum offenen Kampf über und suchte sich in einer teuflischen Aktion des künftigen Rivalen zu entledigen. Er befahl den Truppen seiner Miliz, großräumig in allen Dörfern und Städten rings um Jerusalem alle männlichen Neugeburten zu töten. Mit diesem Rundumschlag hoffte er, jegliche Bedrohung seiner Macht für alle Zeit aus der Welt zu schaffen.

Es war kurz vor Mitternacht, als sie das Haus verließen. Maria trug das Kind in einen Schal gewickelt, den sie über die Schulter um den Hals trug, ein langer Mantel hüllte sie und das Kind ein. Sie ritt wieder auf einem Esel, an dem ein Wasserschlauch und ein Korb mit Lebensmitteln befestigt waren. Anna und einige Frauen begleiteten die Flüchtlinge eine kurze Strecke, dann umarmten sie sich unter Tränen und nahmen Abschied voneinander. Vor den Reisenden lag eine sehr weite und beschwerliche Strecke in ein fremdes Land. Sie wußten nicht, wie sie in Ägypten aufgenommen würden und wie es ihnen möglich sein sollte, das Kind zu ernähren und unbeschadet ans Ziel zu bringen.

Bis zur Grenze Galiläas, dem Ende des unmittelbaren Machtbereiches des Herodes, reisten sie meist nachts. Als sie in diesen Tagen bei Verwandten einkehrten, erfuhren sie, daß auch Elisabeth mit dem Kind Johannes vor dem Blutrausch des entmenschten Herodes in die Wüste geflohen war. Die letzte Herberge von Galiläa lag an der Grenze zur Wüste, ein paar Meilen vom Toten Meer entfernt. Die Besitzer vermieteten Kamele und hielten sie in eingezäunten Wiesen. Obwohl es schlitzohrige Leute waren, die es mit der Wahrheit und mit fremdem Gut nicht genau nahmen, gewährten sie den Flüchtlingen Gastfreundschaft und verköstigten sie anständig.

Doch Joseph und seine Familie durften nicht lange rasten, vor ihnen lag ein weiter Weg durch die Wüste. Einige Meilen weit konnten sie noch auf einer alten Heerstraße ziehen, dann gab es für sie keinen Weg mehr. Die Wüste war voll von Gefahren, es wimmelte von Schlangen und langen, schwärzlichen Echsen. Bei Tag brannte eine erbarmungslose Sonne vom Himmel, nachts herrschten frostige Temperaturen. In sternhellen Nächten zogen sie ohne Aufenthalt weiter. Wenn sie biwakierten, flocht Joseph aus Gestrüpp eine Schutzwand gegen die Bedrohung durch wilde Tiere.

Einige Tage lang verloren sie jegliche Richtung und wähnten schon, sie würden immer im Kreis herumlaufen, dann tauchte endlich ein hohes, finsteres Gebirge vor ihnen auf. Sie mußten auf äußerst beschwerlichen Saumpfaden mehrere schroffe Berge mit wilden Schluchten überqueren, vorbei an gähnenden Abgründen. Kaum, daß ihr geduldiges Lasttier einen schmalen Weg für seine Hufe fand. Mehrmals überraschten sie Regengüsse und durchnässten sie bis auf die Haut.

Als sie das Gebirge überwunden hatten, kamen sie in eine wilde, unheimliche Gegend, in der sich mehrere Sippen von Wegelagerern eingenistet hatten. Sie gerieten in die Falle dieser Strauchdiebe, doch waren sie selbst diesen Erbärmlichen noch zu erbärmlich. Die Vogelfreien benahmen sich gegen Maria und Joseph sehr gesittet und statteten sie sogar mit Lebensmitteln aus. Dann kam wieder ein weiter Weg durch die Sandwüste mit allen Gefahren und Entbehrungen. Die Gegend wurde immer unwirtlicher. Fanden sie Ansiedlungen, so waren sie von abweisenden und habsüchtigen Menschen bewohnt, die ihnen kaum einen Schluck Wasser gönnten.

So wanderten sie zehn Tage dahin, bald schon von Hunger und Durst gequält, von den unmenschlichen Strapazen ermattet und sehr niedergeschlagen. Wären nicht immer wieder einzelne Lichtblicke in ihrer Düsternis gewesen, eine üppige Dattelpalme und eine klare Quelle, sie wären verzagt. Doch alles half nichts, sie mußten auch die letzte Wegstrecke hinter sich bringen, es gab kein Zurück.

Der schlimmste Teil der Reise war überstanden, als sie auf ägyptischem Grund anlangten. Sie hatten die Schroffheit der Berge, die schier endlosen Wüsteneien mit ihrer ziellosen Ödnis hinter sich gelassen.

Sie gingen nun durch ebenes, saftiges Weideland mit grasendem Vieh. Doch die wenigen Menschen, denen sie begegneten, nahmen von den Reisenden keine Notiz, niemand verstand ihre Sprache. Man hielt sie offensichtlich für Entwurzelte, die vor einer grausamen Diktatur geflohen waren, um hier unangefochten leben zu können. Doch jeder der Einheimischen fürchtete, sie könnten ihm Nahrung und Broterwerb wegnehmen.

Hier auf dem Land war für Joseph keine passende Arbeit zu finden, dafür gab es nur in einer größeren Stadt Gelegenheit. So zogen sie über den Nil auf einer hohen, langen Brücke in die vielfach verwüstete Stadt Heliopolis. Sie rasteten auf einem Platz vor dem Tor der Stadt, eingesäumt von einer Promenade. Hier stand auf einem Säulenfuß ein übermannsgroßes Götzenbild, eine gedrungene Gestalt mit einem Stierkopf, die ein Kind in den Armen trug. Die Stadt war durch Kriegswirren sehr verwüstet, die Einwohner hatten sich in den Ruinen eine vorübergehende Bleibe eingerichtet. Es waren die Überreste mächtiger Gebäude mit dicken Steinmauern. Mit Geschick konnte man sie notdürftig ausbessern und darin wohnen.

Joseph fand für seine Familie die Aussenwände eines hallenartigen Steinbaues, zwischen dessen Säulen er Splintwände einzog und mit wenig Hilfsmitteln ein hinlängliches Obdach zimmerte. Dann kundschaftete er in der Stadt und auch in der Umgebung aus, an welchen Erzeugnissen seines Handwerks Bedarf bestand.

Er verfertigte niedere, runde, dreibeinige Schemel, ein paar Körbe und Flechtwände. Damit ging er vorerst hausieren, zeigte sie herum und versuchte, seine neuen Mitbürger darauf hinzuweisen, daß er ähnliches Gebrauchsgut aus Holz und Binsen für ihre Bedürfnisse herstellen könne. Nach vielen Jahren der feindlichen Eroberung, Zerstörung und Besatzung durch mutwillige Grobiane bestand nun in einer sanften Welle des Friedens großer Bedarf an allen Gütern.

Trotz seiner Fremdheit gewann Joseph durch seine biedere Art und seine kunstfertigen Produkte, auch durch seine anständigen Preise guten Absatz und konnte seine Familie nach den drei Wochen der entbehrungsreichen Reise wieder sättigen und kleiden. Auch Maria trug zum Unterhalt der Familie durch Teppichweben und Strick-, Flecht- und Stickwerk bei.

Es lebten hier in Heliopolis nur wenige Juden. Sie benahmen sich sehr menschenscheu und zurückhaltend, da sie sich von der übrigen Bevölkerung mißachtet fühlten. Es gab hier keine Synagoge, deshalb fehlte der Mittelpunkt der kleinen Gemeinde, es kam daher auch nicht zu regelmäßigen Zusammenkünften und zu Meinungsaustausch.

Maria und Joseph waren fromme Juden, sie teilten in ihrer bescheidenen Wohnung einen kleinen Gebetsraum ab, schmückten ihn nach Möglichkeit und hielten sich gerne darin auf. Sie erfuhren, daß es in anderen Städten Ägyptens größere jüdische Gemeinden mit Synagogen und Tempelschulen gab. Sie dachten auch schon an die weitere Zukunft, da ein Ende ihrer Verbannung nicht absehbar schien. Das Kind Jesus sollte später im rechten Glauben seiner Vorfahren unterwiesen werden und auch an allen Ritualen teilnehmen können, die das Gesetz Mose den Heranwachsenden vorschrieb.

 

Die Heilige Famlie zieht nach Troja

So schnürte die Familie bald ihr Bündel, der Abschied fiel nicht schwer. Man hatte sie hier geduldet, sie mußten dankbar dafür sein, doch mit zunehmendem Erfolg wuchsen auch Neid und Eifersucht der Ansässigen. Den Leuten von Heliopolis gelang es nicht, die Fremden zu vereinnahmen, sie zu veranlassen, sich dem Sonnengott und ihren Tiergottheiten zu unterwerfen und an ihren orgiastischen Festen teilzunehmen. Immerhin hatten sie zwei Jahre hier gelebt, Jesus lief schon neugierig herum und suchte sich Spielkameraden.

Ihr Weg führte sie über Memphis nach Troja, einem großen, aber schmutzigen Ort. Trotzdem wären sie gerne hiergeblieben, doch verwehrte man ihnen die Aufnahme. Also zogen sie auf einem Damm nilabwärts. Nach einigen Irrwegen gelangten sie nach Matarea, einer sich weit hinziehenden, reizlosen Stadt, die auf einer Landzunge liegt, so daß sie das Wasser auf zwei Seiten berührt. Die meisten der Häuser waren aus Dattelholz und getrocknetem Schlamm gebaut und mit Binsen gedeckt, so daß Joseph hier viel Arbeit fand. Er verfestigte die Hauswände mit Flechtwerk und baute auf die Decke hölzerne Galerien, wie er es aus seiner Heimat gewohnt war.

Joseph und seine Familie wohnten in einem dunklen Gewölbe in einer einsamen Gegend in der Nähe eines Turmes. Hier in Matarea gab es eine kleine Gemeinde von Juden und bekehrten Heiden, denen die ägyptischen Priester einen alten, unbenutzten Tempel überließen. Der Gottesdienst, den sie bisher darin abhielten, war verwildert, der Psalmengesang unordentlich und ohne rechte Melodik. Joseph erwies sich als echter Gewinn der kleinen Gemeinde. Er war von Jugend an mit der Thora vertraut und konnte daher seinen Glaubensgenossen den rechten Gesang, das Rezitieren der Psalmen und die traditionelle Feier der jüdischen Feste lehren.

Die Bewohner von Matarea waren insgesamt sehr duldsam gegen Fremde, sie waren bereit, sie trotz ihres anderen Glaubens und ihrer oft absonderlichen Gebräuche als gleichwertig zu behandeln. Sie versuchten auch gar nicht, sie zu ihrer Vielgötterei zu bekehren, wenn sie auch selbst mit Begeisterung ihre Feste der Fruchtbarkeit, der Kampfbereitschaft, der Dämonenabwehr und des Todes feierten. Da sie an ein Weiterleben der Verstorbenen glaubten, galt ihre Hauptsorge, ihre Toten mit würdigen Grabbeigaben von Nahrungsmitteln bis zu Werkzeugen zu versehen und die Gräber kostbar auszugestalten. Trotzdem waren ihre religiösen Gebräuche weitgehend zur bloßen Gewohnheit verkommen, zu einer streng festgelegten Abfolge von Zeremonien, zum Rezitieren von Beschwörungen und Abwehrformeln ohne großen Sinn und ohne innere Überzeugung.

Doch waren sie geschickte Handwerker mit allen Arten von Metallen. Auch in der Krankenpflege hatten sie eigenwillige, aber wirksame Methoden durch Berühren und Streichen der kranken Leiber, durch Zurechtrücken verrenkter Gliedmaßen und durch geschicktes Bandagieren gebrochener Knochen. Sie kannten viele heilkräftige Kräuter, deren Absud sie den Leidenden einflößten oder sie darin badeten. Auch Öle preßten sie aus Früchten und Samen und gossen es auf schwärende Wunden. Maria und Joseph eigneten sich die nötigsten Worte und Redewendungen der fremden Sprache an, obwohl es sich von ihrem Aramäisch grundlegend unterschied. Jeder Buchstabe und jede Zahl war geheimnisvoll getränkt von doppelter Bedeutung, von Beziehungen zu sichtbaren und zu verborgenen Dingen. Buchstaben und Zahlen waren Gottheiten und Sternenkräften zugeordnet und hatten bei richtiger Verbindung und Aussprache die Wirkung der jeweiligen Gotteskraft.

Maria entdeckte in den Kellerräumen ihrer Wohnung eine versiegte Quelle, die beim Aufgraben wieder zu sprudeln begann. Hier gab es früher einen Brunnen, der aber von Steinbrocken verschüttet war. Joseph mauerte den Schacht dieser Quelle kunstgerecht auf, so dass seine Familie nicht mehr auf Nilwasser angewiesen war. Auch ihren Mitbürgern teilten sie davon mit, so dass sich von nun an immer Leute zum Wasserschöpfen bei ihnen einfanden.

 

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