Der folgende Text wurde nach den Visionen der Seligen Anna Katharina Emmerick verfasst. Diese hochbegnadete Frau sah das Leben des Heiligen Hoseph von Nazareth, dem Nährvater Jesu. Neben den vielen Einzelheiten über diesen Größten aller männlichen Heiligen, findet sich eine wunderbare Schau der Menschwerdung Christis. Dieser Artikel besteht aus zwei Teilen. Hier finden Sie Teil 1.
Der Gottessohn dient in Demut seinen Eltern
Der heranwachsende Jesus half, sobald er etwa fünf Jahre alt war, mit seinen geringen kindlichen Kräften Joseph in der Werkstatt und Maria in der Küche und bei ihren Stickereinen. Mit besonderer Freude trug er die Erzeugnisse seiner Mutter in die nächstgelegene Judenstadt zu Kunden und brachte dafür Brot und andere Speisen mit. Seine Erziehung lag den Eltern sehr am Herzen. Es gab hier am Ort keinen Talmudlehrer, auch nicht in einem erreichbaren Umkreis. So wiesen ihn seine Eltern mit Hilfe der heiligen Schriften ihrer kleinen Synagoge in die Geheimnisse des reichen jüdischen Glaubens ein. Er lernte gut und konnte im Lauf der nächsten zwei Jahre schon viele Psalmen auswendig hersagen.
Die Heilige Familie zieht zurück in die Heimat
Bei ihrem Aufbruch verteilten sie einen Großteil ihrer Gerätschaften unter die Armen. Joseph packte das Allernötigste auf den Esel, dann traten sie die Heimreise an. Sie legten einige längere Ruhepausen ein und waren etwa vier Wochen unterwegs. Wie auf der Hinreise quälte sie wieder die stechende Sonnenhitze, doch lauerte auf der ganzen Strecke nie eine Gefahr für Leib und Leben.
An der Grenze von Palästina erfuhr Joseph, dass Archelaus seinem Vater Herodes auf den Thron gefolgt war. Da Joseph fürchtete, Archelaus habe mit dem Thron auch die Grausamkeit des Vaters geerbt, änderte er den Weg. Er ging nicht nach Judäa, sondern zog durch das Land der Stämme Dan und Issachar nach dem unteren Galiläa, entlang der Küste des Mittelmeers.
Übermüdet und von den Strapazen der Reise ausgelaugt kamen Joseph, Maria und Jesus spät am Abend in Nazareth an. Sie fanden ihr Haus unversehrt und sauber aufgeräumt vor. Anna war häufig mit einer Magd hierhergekommen, um für Ordnung zu sorgen.
In Nazareth hatte sich in den letzten sieben Jahren ihrer Abwesenheit ebenso wenig geändert wie in den Jahrzehnten vorher. Nazareth war ein kleines Nest, dessen Bewohner sich ängstlich von der Umwelt abschirmten und nichts Neues in sich einließen. Sie wünschten sich statt ihrer ausgefurchten, schmutzigen Gassen nie ebene, leicht begehbare Wege, auch keine regenfesten Dächer für ihre Häuser oder reinlichere Brunnen. Sie hatten kaum Interessen über ihren Horizont hinaus ausser einer ausgeprägten Vorliebe für Waffen aller Art und für Kampfspiele zwischen den Ortsvierteln. Zu ihrer Unterhaltung genügten ihnen derbe Schwänke und laute ordinäre Gassenhauer. Sie verkleideten sich gerne als Narren, doch wurde ihre dumpfe, schwerfällige Art dadurch nicht spaßiger.
Joachim war vor einem Jahr plötzlich verstorben. Da Maria schon als Dreijährige in die Tempelschule gegeben wurde und ihren Vater dann elf Jahre lang kaum mehr sah, hatte sie zu ihm kein sehr enges Verhältnis. Joachim hatte nur für seine Rinder und Schafe gelebt, er war ein erfolgreicher und fleissiger Landwirt. Dass seine Tochter der Aufnahme in die Tempelschule gewürdigt wurde, ehrte ihn und erfüllte ihn mit Stolz. Aber dass sie die Priester mit sanfter Gewalt dem Josef vermählten, stieß bei ihm auf stummes Unverständnis. Er hielt nicht viel von diesen harten Gesetzesvorschriften, wonach ein Mädchen nur einen Mann aus dem selben Stamm heiraten durfte.
Joseph blieb ihm immer fremd. Er sah etwas verächtlich auf ihn herab, zwar schätzte er seine Arbeit, seine zuverlässige Genauigkeit und seine schlichte Aufrichtigkeit. Doch ein attraktiverer Schwiegersohn wäre ihm lieber gewesen, ein wortgewandter Draufgänger, ein zupackender Haudegen, ein trinkfreudiger Kumpan, mit dem man Pferde stehlen konnte.
Übrigens teilte ganz Nazareth seine Meinung. Joseph war schon 44 Jahre alt, als er Maria heiratete, dreißig Jahre älter als seine Frau. Sie wußten alle von ihm, dass er sich nach Feierabend in seine Gebetskammer zurückzog, wo er oft ganze Nächte betete, dass er regelmäßig die Gottesdienste in der Synagoge besuchte, nur dann mit Interesse und Begeisterung ein paar Sätze sprach, wenn von Religion die Rede war. Doch das zählte alles nicht viel in Nazareth. Man war zwar rechtgläubig, erfüllte wohl oder übel die Gesetze des Moses, ließ die Armen nicht verhungern, das war es aber dann schon. Abweichler oder Andersdenkende wurden nicht geduldet, sie wurden mit Steinwürfen von der Gemeinschaft ausgestossen.
Und Maria? Sie liebte Joseph aufrichtig und ohne Einschränkung. Ein großes Geheimnis band sie aneinander. Nur er wußte von ihrer Auserwählung. Beide wurden nicht von Menschen, sondern von Gott füreinander bestimmt. Gott hatte ihrer bedurft, der Jungfrau, die Gottes Sohn gebären sollte und des reifen Mannes, der als einziger dazu fähig war, das kostbare Kind zu beschützen, gegen das Satan sein ganzes Heer aufgeboten hatte.
Joseph war dazu berufen, den künftigen König in die Bedrängnisse der verbannten Söhne Adams einzuweihen, ihm die Mühsal der Arbeit und die Gebete seiner Väter zu lehren. Dieses Kind, das in einer elenden Höhle zur Welt kam, dieser Junge mit seiner Wissbegierde, sein bereitwilliger Helfer im täglichen Einerlei des Broterwerbs war der einzige Sinn seines einfachen Lebens.
In Nazareth lebte eine mit Joachim verwandte Familie, die der jüdischen Sekte der Essener angehörte. Deren Söhne vom ungefähr gleichen Alter wie Jesus waren seine Jugendgespielen. Beim alljährlichen Tempelbesuch in Jerusalem, auf den Maria und Josef großen Wert legten, schloss sich auch diese Familie mit ihren Söhnen an.
Jesus zog mit acht Jahren zum erstenmal mit den Eltern inmitten einer großen Gesellschaft nach Jerusalem, von da an nahm er jedes Mal an der Pilgerreise teil.
Das Jesuskind unterrichtet die Gelehrten
Am dritten Tag gingen sie in die Tempelschule, in der Leviten und Priester ausgebildet wurden. Hier fanden Disputationen über verschiedenen Themen auch außerhalb der mosaischen Gesetze statt. Diese Disputationen gingen über viele Wissensgebiete wie Sternkunde, Baukunst, Biologie, Mathematik und Medizin.
Doch Jesus sagte ihnen, zwar sei der Tempel zu schade für die Beschäftigung mit profanen Wissenschaften, aber er bewies ihnen, dass jede Wissenschaft aus der Gotteswissenschaft hervorgeht und dass sich all dies Weitverzweigte und Unterschiedliche auf das göttliche Gesetz, auf die Verheissungen der Propheten, auf den Tempel, auf Gottesworte und auf die Geheimnisse des Dienens und Opferns zurückführen lasse.
Die Lehrer staunten über sein frühreifes Wissen, das ihm seine Eltern vermittelt hatten, dessen Zusammenschau und die Folgerungen daraus aber seine eigenen Überlegungen waren.
Maria und Joseph verlieren Jesus
Hatte König Archelaus von seinem Vater Herodes die Horrorvision von einer Bedrohung seiner Macht durch die von Prophezeiungen umwitterte Geburt des Davidsprößlings geerbt und nun nach vielen Jahren des Schweigens doch noch zugeschlagen und Jesus entführen lassen? Oder war ihr Sohn von einer arabischen Karawane geraubt worden, um auf einem Sklavenmarkt verkauft zu werden? Oder war der Jüngling vor der Enge des Elternhauses und der Eintönigkeit Nazareths in die weite Welt der Freiheit entflohen?
Die Angst der Eltern steigerte sich von Tag zu Tag. Sie kehrten wieder eine Tagesreise nach Jerusalem zurück, fragten angsvoll bei den Nachzüglern ihrer Pilgergruppe, besuchten eine Vielzahl von Herbergen und erkundigten sich auch bei den entferntesten Verwandten und Bekannten. Doch alles war umsonst.
Zuletzt rasteten sie entmutigt und verzweifelt in der Vorhalle des Tempels und hier fanden sie endlich ihren Sohn, völlig von der Diskussion gefesselt, ohne Aufblick und ohne einen Gedanken an eine Schuld gegenüber der Sorge der Eltern.
Sie kehrten zu dritt nach Nazareth zurück. Dort wurde das Laubhüttenfest gefeiert. Für Maria und Joseph war es ein besonderes Freudenfest, denn ihr verloren geglaubter Sohn war wieder bei ihnen. Im gewohnten Gleichklang verliefen die nächsten Jahre.
Jesus lernt das Tischlerhandwerk
Ihr Haus in Nazareth hatte drei abgesonderte Wohnräume. Der Raum Marias war der größte und angenehmste. Hier kam die Familie zu den Mahlzeiten und zum Gebet zusammen. Josephs Wohnraum war gleichzeitig seine Werkstatt. Maria nähte und strickte, um mit ihren Handarbeiten zum Unterhalt der Familie beizutragen. Sie hatte in Ägypten ungewohnte Muster und Formen kennengelernt, allmählich wurde dieses Fremdartige und Bizarre auch in Nazareth beliebt.
Der Tod des Heiligen Joseph
Maria litt mit ihm, wenn die Schmerzanfälle besonders heftig verliefen. Oft gebot sie der Krankheit, zu weichen, oft flehte sie die Engel an, sich des Gepeinigten zu erbarmen. So wurde ihr Bräutigam bald für einen Tag, bald für längere Zeit von seinen Schmerzen befreit, bis das Leiden nach dem Willen Gottes aufs neue begann.
Manchmal hörte der Kranke himmlische Musik, Hymnen und Loblieder zu Ehren des Allerhöchsten, so dass sich seine Seele zu neuer Liebe zu Gott entflammte. Sein Körper wurde immer schwächer, die Kräfte nahmen mehr und mehr ab, und so nahte denn das unvermeidliche Ziel des Lebens. Maria pflegte ihren Bräutigam unermüdlich, auch Jesus half neben seiner Berufsarbeit bei allen Handreichungen, die männliche Kraft erforderten. Joseph lag oft in unruhigem Fieber, doch seine Seele tauchte schon zeitweilig ein in die künftige Welt.
Sein Engel führte ihn wieder auf all die endlosen Wege, die er zurücklegen mußte, um die zwei Menschen zu geleiten und zu beschützen, die ihm anvertraut waren. Er sah nun schon den Sinn hinter den Ereignissen, er verstand den demütigen Gruß Elisabeths, die Freude der Hirten über die Geburt des Retters. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, wenn er die drei Könige aus der Ferne heranziehen sah, ihre huldvolle Darbringung der Geschenke und ihren Kniefall vor dem künftigen, ebenbürtigen König. Er begriff die Bedeutung der dunklen Worte Simeons, die er einst staunend aber ohne Verständnis vernommen hatte. Die zufälligen und verschlungenen Wege seines Lebens waren plötzlich in eine sinnerfüllte, göttliche Symmetrie eingefügt.
In seiner letzten Nacht war er allein. An den vorhergehenden Tagen hatten ihn wieder schlimme Krämpfe gequält, doch nun war er in eine tiefe Ermattung gefallen, in eine grenzenlose Müdigkeit, in eine völlige Entkräftung, in der auch jeglicher Schmerz geschwunden war. Maria, die sich immer mit Jesus in der Krankenwache ablöste, fand nun auch ein wenig Ruhe und ging in ihre Schlafkammer.
Da sah der bewußtlose Joseph plötzlich ein helles Licht die tiefe Dunkelheit erleuchten. Jesus stand vor ihm und reichte ihm die Hand zum Aufstehen. Doch Jesus war seltsam verändert. Er war nicht mehr der Jüngling, den er kannte, er war ein reifer Mann mit leuchtendem Gesicht, ein Erwachsener mit Bart und langen Haupthaaren. Seine Hände waren durchbohrt und hatten kreisrunde, blutrote Wunden.
Joseph erhob sich von seinem Lager. Alle Schwäche, alle Mattigkeit, alle Leiden waren von ihm abgefallen. Er fühlte sich jung und voller Tatendrang. Jesus öffnete die Türe ins Freie. Wärmendes Sonnenlicht drang in die kleine Kammer. Die Häuser von Nazareth waren von kristallklarem Glanz umhüllt. Es herrschten nicht mehr Nebel und Dumpfheit, die Nacht war zu Tag verklärt. Joseph sah eine mächtige Sonne am südlichen Himmel stehen. Sie war ohne Hitze und Blendung. Josephs Seele, von der Schwere und Hinfälligkeit des Leibes befreit, erhob sich vom Erdboden und flog wie ein Adler geradewegs in diese Sonne, in die gotterfüllte Ewigkeit.











