Welt - Mensch - Gott - Beziehung

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Diese Grafik versinnbildlicht den Menschen in seinem Eigenwert, im Verhältnis zu seiner Umwelt und zu Gott:

 

  • innerer Kreis: ich = der Mensch in seiner Gesamtheit,
    Körper und Seele, alle angeborenen und
    erworbenen Eigenschaften.
  • mittlerer Kreis: Du = die Umgebung des Menschen,
    Familie, Freunde, Mitbürger.
  • äußerer Bereich: ER = Gott.

 

Dieses Diagramm der drei Kreise ist die erstrebenswerte Idealform. Das "ich" wirkt im "Du", beide sind eingebettet in Gott. Der Einzelne dient der Umwelt und wird von ihr versorgt, getragen und umschlossen. Die Welt besitzt keinen Selbstzweck, sondern ist hingeordnet zu Gott, sie ist sein Werk und kehrt in verwandelter Form zu ihm zurück. Gott ist zwar in seiner totalen Andersartigkeit für den Menschen nicht auslotbar, aber erfahrbar. Er hat die Welt nach seiner Vorstellung und den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Er hat uns in der Botschaft Jesu Christi eine Lebensordnung gegeben, die tragfähig ist, zu ihm hinzuführen.

Sobald der Mensch aus dem Gleichgewicht gerät, verschieben sich Form und Größenverhältnisse. Beim ausgeprägten Egoisten wird der Ich-Kreis die Größe des göttlichen Kreises annehmen, der Kreis der Zuwendung zum Mitmenschen wird zu einem Punkt geschrumpft sein, der Gotteskreis wird fehlen.

Die beiden Pole der möglichen Abirrungen sind Ichsucht und Gottlosigkeit. Durch Ichsucht wird jede Form von hilfsbereiter Zuneigung zum Mitmenschen unterdrückt, Gottlosigkeit beraubt den Menschen seiner Zielsetzung. Er kennt nur die sichtbare Welt und lebt ausschließlich für sie. Er hat sich von jeglicher Bindung an seine Wurzeln und an seinen Gipfel losgesagt. Aber auch wer den Kreis der Umwelt überbetont, geht in die Irre, wenn diese Überbetonung einen Verlust der Eigenständigkeit bedeutet und nur der Sinnesbefriedigung dient. Gottgewolltes Wirken für die Umgebung kann nur aus einem Dienst an der Gemeinschaft bestehen, einem ausgewogenen Geben und Nehmen.

Das menschliche Leben ist ein ständiger Lernprozeß: Einordnung in das soziale Gefüge, Unterordnung unter die göttliche Macht. Beides kommt bei vielen Menschen zu kurz, denn die helfende Zuwendung zum Nächsten bedeutet Verlust an Eigentum. Die Anerkennung Gottes fällt besonders schwer, wenn wir gewohnt sind, Gott als einen strengen Gesetzgeber unter vielen anderen Gesetzgebern zu betrachten, denen wir ausgeliefert sind. Doch dieses Gottesbild ist falsch.

Das Christentum lehrt: Gott ist Liebe. Es lehrt auch: Liebe deinen Nächsten, liebe sogar deinen Feind. Damit ist das Verhältnis zu Umwelt und Gott abgesteckt. Empfinden wir auch vieles im persönlichen Leben als harte Schicksalsschläge, fehlt uns oft das Verständnis für schlimme Heimsuchungen, so steht doch dahinter nicht ein rächender oder gar abwesender Gott, sondern eine zwar schmerzliche aber notwendige Wegweisung: Der Einzelne oder sogar die ganze Menschheit geht derart massiv in die Irre, in die Unmenschlichkeit, in die Gottesferne, daß oft nur Katastrophen zur Besinnung zufen können.

Dieses enge Umschlossensein von Mensch und Umwelt bringt es mit sich, daß jeder schuldhaft am allgemeinen Weltschicksal mitträgt und daß es ihm andererseits möglich ist, durch seine Hinwendung zum Guten die Welt zu verbessern. Es gibt im Leben keine Indifferenz. Der Laue und Gleichgültige arbeitet ebenso für das Reich des Negativen wie der fanatische Gottesfeind. Das Menschendasein ist kein Schlaf, kein Dahindösen, kein Spiel. Es erfordert Arbeit und Stellungnahme.

Diese Stellungnahme besteht in der klaren Definition des persönlichen Gottesbezugs: Wer ist Gott, was bedeutet mir Gott? Wie kann ich mich ihm nähern? Nur dann, wenn meinTun ein dienendes Tun am Nächsten um des Göttlichen willen ist. Diese Arbeit muß nicht aus einer meßbaren Aktion bestehen, es kann eine spirituelle Zuwendung sein, eine Anteilnahme, ein Mittragen, eine Fürbitte, ein Gebetsopfer.

Alles, was der Mensch denkt und tut, hat seine Auswirkung, das Gute wie das Schlechte. Wer ständig Mißtrauen, Mißgunst, Ablehnung oder sogar Haß denkt, schadet dem Nächsten und der ganzen Welt obenso wie Gedanken der Zuneigung, des Vertrauens und des Wohlwollens dem Nächsten und der ganzen Welt nützen. Doch nicht nur die Welt wird gebessert oder beschädigt durch den Geist der Liebe oder des Hasses, auch das Himmelreich wird entweder zu uns herabgeholt oder es leidet Gewalt.

Dem Menschen sind von seinem Schöpfer ungeheure Kräfte anvertraut worden, die er in Freiheit verwalten darf, die Kraft, Kathedralen zu erbauen und die Kraft, Städte, ganze Länder und Kontinente zu zerstören. Aber trotz mächtiger Obrigkeiten, die über uns eigenwillig verfügen, ist es immer der Einzelne in seinem Alltag, der die Entscheidung für eine der beiden Möglichkeiten trifft. Er kann auch in äußeren Beschränkungen die gottgewollte Bestimmung leben, er kann sich aber auch in jede denkbare Richtung verirren.

Verkehrt ist es, einem menschlichen Gegenüber eine Wichtigkeit zuzuweisen, die nur Gott gebührt. Das geschieht dann, wenn wir uns die Meinungen von Autoritäten so zu eigen machen, daß sie unser ganzes Dasein bestimmen. Das bedeutet, daß wir unser eigenes Ich aufgeben und auch keinen Platz lassen für göttliche Weisung. Gemeint ist hier die völlige Adaption einer philosophischen Richtung oder einer politischen Weltanschauung. So sehr wir uns auch dem Du zuwenden sollen, so dürfen wir doch nie unser Ich, unsere persönliche Ansicht wegwerfen. Wir dienen der Welt und Gott nur als Persönlichkeiten, die ihre Begabungen erkannt und ausgebildet haben, die freie Kinder Gottes sind.


Auch der Gotteskreis bedarf der Erläuterung. Als Christen bekennen wir den dreifaltigen Gott, einen gerechten, aber vor allem liebevollen, den Menschen in großer Zuneigung zugewandten Gott. Es kann sein, daß wir mit anderen Gottesbildern oder sogar mit dem Nirwana liebäugeln. Auch das ehrliche Abwägen, das Vergleichen und Prüfen ist menschenwürdige Standortsuche.Doch am Ende ist es wichtig, sich nicht mit pseudoreligiösen Tagesmoden, mit sektiererischer Isolation und schönfärberischer Vereinfachung zufrieden zu geben, sondern sich zu bemühen, das Wort und den Ruf des wahren Gottes zu hören und zu verlebendigen. Wer die Perle im Acker gefunden hat, sollte nicht endlos weitersuchen sondern seinen Glauben bekennend leben.

Es gibt Führer und Verführer, es gibt Menschen, die für ihre Umgebung ein Segen, und solche, die ein Fluch sind. Es gibt auch die große Masse der Mittelmäßigen, die weder führen noch verführen, die weder Segen noch Fluch sind. Es sind die Lauen, über die Christus ein Verdammungsurteil gesprochen hat. Es soll im Verhältnis zu Gott kein großes Feld der Gleichgültigkeit geben. Es gibt zwar mittelmäßig Gläubige, aber sie verschenken ihre Möglichkeiten, sie kommen mit einem riesigen Defizit an ihr Ziel, sie gehen an ihrer Lebensaufgabe vorbei.

Unser ständiges Bemühen sollte dahin gehen, den verborgenen Gott zu erfahren, seine Gegenwart zu fühlen, seine Stimme zu hören. Die christliche Religion, die Evangelien, die Schriften der christlichen Mystiker, aber vor allem die Umsetzung der Religion in Lebens- und Gebetspraxis können zur Nähe Gottes führen. Gott ist nicht der unendlich Ferne, der Unnahbare, sondern er ist um uns, ein Gottesfunken ist sogar in jedem von uns. Es liegt an uns, ob wir diesen Funken anfachen, verkümmern lassen oder bewußt verlöschen.

Wahres Menschsein besteht in der Harmonie zwischen eigener Wertschätzung, helfender Zuneigung zum Nächsten und der verpflichtenden Anerkennung der göttlichen Allmacht. Diese drei Faktoren sollen nicht nur in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen, sondern sie sollen auch alle menschlichen Handlungen tragen. Wer an seiner Vervollkommnung arbeitet, kann im Bereich seiner Fähigkeiten seiner Umwelt dienen. Wer sich von Gott her bestimmt weiß, wandelt seine Arbeit zu einem Gottesdienst.

Das Wissen um Gott sollte alle Wissenschaften durchdringen und erhöhen. So sollte das Bemühen um die Gesundheit des Menschen nicht frei im Raum stehen ohne das Wissen um das Wesen des Menschen, seine gotteingehauchte, unsterbliche Seele. Ohne dieses Wissen irrt die Medizin ab in die technische Wartung eines zufällig lebendigen Apparates. Ebenso ist es mit der Pädagogik. Wer dem Menschen keine Seele zutraut, die sich in den Reibungen mit der Welt höherentwickeln soll im Blick auf eine jenseitige Erfüllung betreibt nur Dressur für einen möglichst erfolgreichen aber gnadenlosen Kampf ums Dasein.

Auf der Suche nach Gott gibt es viele Irrwege. Wohl am leichtesten fällt den Menschen das unverbindliche Akzeptieren einer "höheren Macht", nach deren Absichten die Welt gestaltet wurde und nach deren physikalischen Gesetzen sie funktioniert. Schwieriger als die Annahme dieses unpersönlichen Supergehirns ist der Glaube an einen Gott, der zur Rettung der Welt Mensch geworden und in einen schmerzlichen Tod gegangen ist. Der vom Tode auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist und der uns in den Sakramenten der Kirche als Freund und Erlöser nahesteht. Wenn wir das Göttliche wirklich erfahren und erfassen wollen, müssen wir uns auf diesen persönlichen Gott einlassen und versuchen, seine Boschaft in die Welt zu tragen, Unter dem Aspekt dieser Gottessicht wird sich unser Leben verändern, es wird seinen wahren Sinn und seine Richtung erhalten.

Wir sollten uns von der irrigen Meinung freimachen, die Forderungen des Evangeliums, speziell der Bergpredigt, seien Utopien, unrealistisch und unrealisierbar. Es gibt in den zweitausend Jahren Christentum eine unüberschaubare Fülle von Menschen, die Christi Lehre wortgetreu gelebt haben. Wir müssen uns auch von der Vorstellung freimachen, daß der moderne Mensch mit seinen bis zu den Sternen ausgedehnten intellektuellen Fähigkeiten das gottgewollte Ziel der menschlichen Entwicklung darstellt. Der Mensch ist zur Barmherzigkeit geschaffen, zur Friedfertigkeit, zur Hilfsbereitschaft, zur Nächstenliebe. Die von Fernsehen und Illustrierten hochgejubelten "Prominenten" mit ihrer Oberflächlichkeit, ihrer albernen Großmannsucht, ihrem Vergnügungstaumel, ihrer unersättlichen Habgier und ihrem peinlichen Exhibitionismus sind bestenfalls Karikaturen des wahren Menschen, aber leider auch Trendsetter für eine nach Vorbildern suchende Jugend.

An den Früchten erkennt man den zu Gott hingewandten Menschen. Er betrachtet alle Ereignisse unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, des unveränderlich Gültigen. Gottesbezug ist Lebensordnung, ein Plan, der das Leben auch nach dem Tod bedenkt, ja sogar die Bedeutung des Todes umkehrt. Tod ist nicht mehr Ende, Katastrophe, sondern Enthüllung des Wesentlichen, Durchgang zu einer Lebensform, die bestimmt ist von der Aussaat dieses irdischen Lebens.

Gott will, daß sein Geschöpf zum Segen wird für seine Mitgeschöpfe, um einst ein Mitbewohner und Mitarbeiter im neuen Himmel zu werden. Dahin sollte jeder menschliche Lebensweg führen. Doch kann sich jeder täglich für die breite Straße der Nichtigkeiten oder den schmalen Weg zum wahren Ich entscheiden. Auf beiden Wegen wird er Begleiter haben, doch nur auf dem schmalen Weg werden es gute Kräfte sein.

 

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Mit freundlicher Genehmigung von Karl-Heinz Gürtler

 

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