Die marianischen Dogmen

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1. Dogma: Immerwährende Jungfrau
2. Dogma: Ohne Erbsünde empfangen
3. Dogma: Mit Leib und Seele im Himmel aufgenommen


Maria -  die Brücke zwischen Konfessionen und Religionen

"Dir wird der Kopf zertreten werden" - so lautet das Urteil Gottes über Verführung und Sünde, als an der Geburtsschwelle der Menschheit jene Frau in den Heilsplan Gottes gestellt wird, die am Ende der Zeiten in der Geheimen Offenbarung als die Siegerin über den Drachen und als die Königin, bekleidet mit der Sonne und mit Sternen umgeben, geschildert wird. Wie Maria damals, am Anfang, als rettende Säule vorausprojektiert wird, so steht sie auch als Vorausprojektion in der Apokalypse als jene zweite Säule, die der Heilswille Gottes umspannt, auf denen er aufruht. In der Mitte der Zeiten aber ist diese Frau erschienen und wurde die Mutter des Erlösers. Sie war es auf dieser Erde und wird es in der Ewigkeit immer bleiben! Daher muss ein offenes und klares Wort über Maria gesprochen werden im Hinblick auf die von allen Menschen herbeigesehnten Ökumene, damit es bald nur eine Herde und ein Hirt werde! Wir alle sind davon überzeugt, dass es nur Maria sein kann, die die Brücke aller Konfessionen und Religionen hin zu Jesus bildet. Über Maria zu reden und schreiben ist daher in keiner Weise gegen die Ökumene - das Gegenteil ist wahr: Je mehr wir über Maria in klaren Worten reden, je mehr wir Maria so hinstellen, wie Gott sie uns gab (und nicht wie wir sie oft gerne hätten!), umso mehr bauen wir Brücken zu einer echten Ökumene, das heisst zu einer echten Einheit aller Christen! Maria verschweigen hiesse, die Ökumene nicht ernst zu nehmen, ja, gegen die von Christus gewollte Einheit Seiner Kirche zu sündigen!

In seinem großen und großartigen Entwurf über die Vorbereitung der Christenheit auf das Jahr 2000 stellt der Hl. Vater, Papst Johannes Paul II., "die selige Jungfrau Maria, erwählte Tochter des Vaters, den Gläubigen vor Augen als vollkommenes Beispiel der Liebe sowohl gegenüber Gott, wie gegenüber dem Nächsten" um schließlich den Christen aller Konfessionen mit dem Apostel zuzurufen: "Was Christus euch sagt, das tut" (Joh 2,5). Über diesem "ganzen weitgespannten Horizont" der Vorschau des Papstes auf das Jahr 2000, dem Jahr der Eucharistie und der Danksagung an die allerheiligste Dreifaltigkeit, steht also das Imperativ der Muttergottes: Was Er euch sagt, das tut! Gerade weil es die Mutter Jesu war, die diese Worte sprach, soll verdeutlicht werden, was Katholiken unter Marienverehrung verstehen. In seinem Apostolischen Schreiben "Tertio millenio adveniente" sieht der Papst die Krönung der "ökumenischen und universalen Dimension des Jubeljahres" verwirklicht in "einem denkwürdigen panchristlichen Treffen". Maria ist eindeutig die Brückenfunktion zwischen den christlichen Konfessionen - ja sogar zwischen den monotheistischen Religionen zugewiesen.


Längst sind jene Zeiten der Mottenkiste anvertraut, in welchen die "Papisten" den "Ketzern" alles nur denkbare an Unchristlichem - und diese wiederum den Ersteren die "Anbetung" Marias, um nur ein Beispiel zu nennen, vorwarfen. Der heutige Stand der Ökumene kann in der vom II. Vatikanum verlangten Toleranz dem Andersgläubigen gegenüber ausgemacht werden. So banal dies klingt, stimmt es dennoch: Auch dies mußte von der "ersten ökumenischen Generation" gelernt werden. Fehler waren unvermeidlich auf allen Seiten. Die bis heute mühsam erreichte Toleranz aber zwingt uns, über die jeweilen andere christliche Konfession nur noch streng genommen das zu sagen, was diese in ihren Lehräusserungen als Glaubensgut festgelegt hat. Hier setzt der ökumenische Wert der genauen Kenntnis marianischer Dogmen an. Ohne gleich die ganze Mariologie der römisch-katholischen Kirche im einzelnen erklären zu wollen soll jedem, dem Katholiken wie dem Protestanten, ein Minimum dessen nahegelegt werden, was die katholische Kirche über Maria bindend aussagt.

Auch wenn der ganze Inhalt von manch einem protestantischen Mitchristen (noch) nicht geteilt werden kann, möge man, in großer Toleranz gegenüber der Glaubensüberzeugung des anderen, wie soeben erwähnt, bei jeder Erwähnung Marias hinzufügen, daß dies die katholische Kirche so lehrt und hält, unter Weglassung überalterter Klischees und Vorurteilen. Erst wenn die Katholiken die seit Jahrhunderten gewachsenen Strukturen der Kirchen der Reformation in deren Sinne - und die Mirchristen der protestantischen Kirchen die in den Konzilien festgelegten bindenden Glaubenssätze in unserem Sinne weitergeben und bereit sind zu interpretieren, kann man von einem echten Fortschritt in der Ökumene, vielleicht sogar vom großen Durchbruch, der uns den Horizont der Einheit in Christus erblicken läßt, reden. Daher müssen die Katholiken endlich den Schritt wagen, in offenem, ökumenischem Geist darzulegen, was die katholische Kirche, insbesondere im Lichte des II. Vatikanums, in bestimmten Glaubensartikeln aussagt, welchen Glaubensinhalt und Glaubensbindung sie in die Lehrsätze legt. Wenn wir wirklich Ökumene wollen - und wer will das nicht? -, dann müssen wir in der Tat damit anfangen, offen miteinander auch über jene Themen zu reden, bei denen wir uns vordergründig einbilden, dies oder jenes könnte der Ökumene schaden. Echte Ökumene kann demnach nur dort erspriessen, wo die Gesprächspartner alles offen auf den Tisch legen.

Von diesem Gedanken lassen wir uns leiten, wenn wir hier über Maria schreiben. Nur die Kenntnis und die Annahme des anderen in seinem Anders-sein kann das ökumenische Gespräch ehrlich werden lassen und vorantreiben. Abgesehen davon tut es auch vielen Katholiken gut, die ökumenische Dimension katholischer Mariologie aufzufrischen bzw. selber kennen zu lernen.

 

"Maria ist nicht nur katholisch"

Die ganze christliche Welt ist sich dessen bewusst, dass Maria jene Frau ist, die gerade in unserer Zeit dazu berufen ist, die verschiedenen christlichen Konfessionen zur Einheit in und mit Christus zu führen. Es gibt ernste Anzeichen dafür, dass auch die protestantische Welt sich dieser Erkenntnis nicht mehr verschliessen kann, nachdem über vierhundertfünfzig Jahre lang die "Marienverehrung" eine "rein katholische" Angelegenheit war. Aber Maria ist weder katholisch, noch sonstwas - sie ist schlicht und einfach die Mutter unseres Herrn und Gottes Jesus Christus. Nur wer diese letzte Aussage nicht voll bejahen kann, wird sich scheuen, Maria das gebührende Lob und die Anerkennung zu geben.

Schon im Evangelischen Erwachsenekatechimsus (Gütersloh 1975, S. 392) lesen wir erstmals seit langer Zeit die späte, doch richtige Einsicht: "Maria ist nicht nur ‘katholisch’, sie ist auch ‘evangelisch’. Protestanten vergessen das leicht. Aber Maria ist ja die Mutter Jesu, ihm näher als seine nächsten Jünger. Mit welcher Menschlichkeit zeichnet das Neue Testament diese Nähe, ohne Marias Abstand von Jesus zu verschweigen!" Hier wird, als gemeinsamer Anknüpfungspunkt im ökumenischen Gespräch, die geschichtliche Existenz Marias angesprochen. Und genau auf diese geschichtlich-persönliche Existenz bezieht sich auch das Dogma der Unbefleckten Empfängnis. Mögen die historisch greifbaren Tatsachen über Maria auch spärlich sein (die Bibel beschreibt ja das Leben Jesu und nicht das Marias oder der Apostel, mit Ausnahme der Apostelgeschichte, die sich zum grossen Teil mit den Reisen des Apostel Paulus beschäftigt), dennoch findet sich bei Lukas schon sowas wie ein "Marienbild". Daher können Kirchen, deren einzige Glaubensquelle die Bibel ist ("sola scriptura"-Prinzip), nicht darauf verzichten, gerade diese Aussagen, die vorhanden sind, auszuwerten. Schliesslich kann für Menschen, die sich zu Christus bekennen, die Mutter Jesu nicht ohne Bedeutung sein. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen für die Christen aller Konfessionen, die positive Bedeutung Marias im Heilsgeschehen unserer Erlösung hervorzuheben und zu einer echten und ehrlichen Marienfrömmigkeit zurückzufinden.

 

Maria, Mutter Jesu und der Kirche

Maria, die seit Ewigkeit auserlesene Tochter des Schöpfergottes, der Mutter des Eingeborenen Sohnes Gottes Jesus Christus und die unbefleckte, makellose, sündenfreie Braut des Heiligen Geistes ist dem Denken des modernen Menschen irgendwie abhanden gekommen. Ohne hier eine Untersuchung über die Gründe dafür anstellen zu wollen, bemühen wir uns, auf dem positiven Pfad der Darstellung kirchlich verbindlicher Aussagen zu bleiben. Tatsache scheint zu sein, daß wer den Plan Gottes mit Maria nicht annimmt, Gefahr läuft, auch Gott zu verlieren! Es täuscht zu meinen, man könne in der Ganzheit biblischer Aussagen an Gott glauben, ohne dem einmaligen und großartigen Heilsplan Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes aus der Jungfrau Maria den ihm geziemenden Platz einzuräumen.

Intuitiv verspürt es der Christ, daß der von Gott Vater in der Kraft des Heiligen Geistes zu uns gekommene Sohn Gottes selbst es war, der sich diese reinste aller Menschen zur Mutter auserkoren hat. So kommt es, daß die Kirche seit den ersten Zeiten ihres Bestehens in Maria ihre Mutter und Wegbegleiterin sieht. Mit Maria betet die Kirche, wie damals am ersten Pfingstfest bei der Herabkunft des Heiligen Geistes über die Apostel und die Mutter Jesu im Abendmahlssaal, um den Beistand des von Jesus und Gott dem Vater uns gesandten Geistes der Liebe und der Treue zur Offenbarung. Maria ist die Mutter der Kirche und die Mutter aller Menschen. Durch sie wollte Gott der Vater uns seinen Sohn Jesus Christus senden; in ihr wollte die Zweite Göttliche Person Mensch werden, ihre Pflege und menschliche Liebe dreissig Jahre lang genießen und ihr wollte er "untertan" sein. Maria aber "bewahrte" alles aus dem Leben Jesu "in ihrem Herzen" (vgl. Lk 2,51-52), um es den späteren Jüngern und Evangelisten preiszugeben. Darum baut marianische Hoffnung und Verehrung auf Jesus auf. Maria ist von Jesus genauso wenig abtrennbar wie Jesus von Maria. Nur in der Erkenntnis des Heilsplanes Gottes mit Maria können wir dem Anspruch der Erlösung gerecht werden. Freilich gehört Jesus, dem Gottessohn, ewige Anbetung, Lob und Verherrlichung - Maria jedoch dürfen wir mit dem größten Lob, der allen Lob der Heiligen übersteigt, verehren. So ist auch die Aussage des Credo, "geboren aus der Jungfrau Maria" im richtigen Sinne als ein Hinweis auf die ewige Mutterschaft Mariens zu deuten.

 

Das Verhältnis von Dogma und Schrift

Vielfachen Gegensätzen ausgesetzt, sich widersprechenden Meinungen gegenübergestellt und mit halben Wahrheiten täglich in Funk und Schrift berieselt (mit ihnen können katholische, ja ganz allgemein christliche Grundwerte und Wahrheiten am unauffälligsten geleugnet werden, da ihnen der Nachweis des Irrtums schwerfällt), stellt sich der Christ zum Ende dieses Jahrtausends die Frage nach der korrekten Antwort. In den meisten Fällen wird man daher katholischerseits keine andere Antwort geben, als die Antwort der Kirche: die für jedermann verbindlichen, unveränderbaren und in verschiedenen Konzilien festgelegten Grundsätze christlichen Glaubens. Es handelt sich um die verbindlichen Lehrsätze oder, mit einem Fremdwort ausgedrückt, die Dogmen.

Es bringt uns nicht weiter, die Dogmen der Kirche als "starr" und "unbeweglich" hinzustellen. Christus hat nun mal keine unverbindlichen Meinungen, sondern Wahrheiten mitgeteilt, er, der "die Wahrheit" selbst ist, dessen Wesen es ist, Wahrheit zu sein! (Joh 14,6). Wahrheit hat mit Starrheit nichts zu tun, aber christliche Wahrheit ist unbeweglich, weil das Wesen Gottes Änderungen in sich ausschließt! Wer es der Kirche nicht zumutet, die Lehren Jesu in gültiger und Gott wohlgefälliger Weise festzulegen beziehungsweise die als Wahrheit erkannten Glaubenssätze in jeder Zeit gültig und authentisch zu interpretieren, das ist gutes katholisches Glaubensgut, der widerspricht den Worten Jesu, nach welchen seine Gründung auf Erden, die Kirche, die zu seinen Lebzeiten einem Senfkorn gleicht, welche aber nach seinem Weggang heranwachsen wird zu einem großen Baum (vgl. Mt 13,31-32); und er widersetzt sich der Tätigkeit des Heiligen Geistes, den der Vater im Namen Jesu, also im Auftrag des Erlösers, (nach Jesu Himmelfahrt!!) senden wird, und der "alles lehren und euch an alles erinnern wird, was ich euch gesagt habe" (Joh 14,26).

Schließlich ist noch eines zu beachten. Während wir eben sahen, daß Christus einerseits seinen Aposteln den Hl. Geist als Beistand in der Auslegung seiner Worte anvertraute, das heißt eine spätere Tradition, eine rechtmäßige Überlieferung seiner Lehren grundlegte (der Grund, warum christliche Kirchen, mit Ausnahme der Kirchen der Reformation, die Überlieferung als genauso wichtig wie die Schrift halten), hat er anderseits weder einen Auftrag gegeben, seine Worte aufzuschreiben, noch hat er selbst seine Worte auf Pergament gebracht, wie es damals in Rom und Athen die Großen dieser Welt schon mit geübter Hand taten. Die Bibel entstand in der Folge des gepredigten Wortes - was ihrem göttlichen Ursprung im Sinne der Inspiration (Eingebung durch den Heiligen Geist) absolut nicht abträglich ist; ja, ich bin davon überzeugt, daß genau das Gegenteil der Fall ist: Weil das Wirken des Hl. Geistes am Pfingstfest in der Kirche Christi einsetzte, konnte in der Überlieferung des Wortes Christi heranwachsen, was der Erlöser selbst ausgestreut hat. Bibel und Überlieferung auseinanderzudividieren hieße, die Wirkkraft des Heiligen Geistes auf dem Pilgerweg der Kirche in seinen Anfängen schon zu leugnen und entzieht mancher pneumatologisch orientierten Sekte der Neuzeit die Berechtigungsgrundlage.

Da heute die im Heiligen Geist erkannten christlichen Wahrheiten über die Mutter Jesu vielfachem Unverständnis und verwirrender Umdeutung unterliegen, wollen wir uns in der Folge die Aussagen und Inhalte dieser Lehrsätze (Dogmen) näher betrachten.

 


1. Lehrsatz:  "MARIA IST IMMERWÄHRENDE JUNGFRAU"

 

Die sechzehnte Erscheinung in Lourdes

"Von innerer Gewalt gedrängt stand Bernadette schon früh auf, besuchte die hl. Messe und eilte zur Grotte. Früher erschien die Dame immer erst nach andächtigem Gebete. Dieses Mal hatte sie gleichsam auf Bernadette gewartet und lächelt. Überwältigt von dieser Freundlichkeit, fragt das Kind inständig: 'Madame, haben Sie die Güte und sagen Sie mir, wer Sie sind.' Auf die dritte Anfrage hin faltet die Dame ihre Hände und antwortet im Dialekt von Lourdes: "Qué soy éra Immaculada Councepciou". - Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Und ein drittes Mal bittet sie: "Ich wünsche eine Kapelle hier." So lesen wir im Bericht über die Erscheinungen.

Von hier ausgehend möchte ich von einem fundierten dogmatischen Hintergrund her das erste marianische Dogma der röm.- kath. Kirche beleuchten. Dies, wie erwähnt, da gerade in unseren Tagen die Dogmen unserer Kirche und insbesondere die Lehraussagen über Maria ins heftige Kreuzfeuer der Leugnung, Preisgabe und Verzerrung gelangt sind. Mit diesem Hinweis auf die Rolle Mariens im christlichen Glauben soll ein solides Glaubens- und Kenntnisfundament angeboten sowie die Liebe und Hingabe an Maria gefördert werden.

 

Die Bezeugung des Glaubenssatzes in der Überlieferung der Kirche

Seit dem 4. Jahrhundert glaubt die Kirche ausdrücklich als Tatsache, das heißt in geschriebener Form, daß Maria immerwährende Jungfrau ist. Diese Überzeugung schließt drei verschiedene Glaubensinhalte ein.

  1. Die Jungfrauschaft Marias bis zur Empfängnis Jesu. Dies besagt, daß die Menschwerdung Jesu nicht auf menschliche Zeugung, sondern auf ein Tätigwerden des Schöpfergottes zurückzuführen ist.
  2. Die Jungfräulichkeit in der Geburt Jesu. Der eigentliche Geburtsvorgang ist in außerordentlicher, die natürliche, biologische Unversehrtheit der Mutter nicht berührender Weise vor sich gegangen.
  3. Die lebenslange Jungfräulichkeit Marias, das heißt, Maria ist auch nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben.


Der biblische Hintergrund dieser drei Momente ist unterschiedlich. Die Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas setzen die erste und die dritte Aussage eindeutig und klar voraus. Das zweite Moment bleibt überhaupt außerhalb der neutestamentlichen Aufmerksamkeit, da es, nach der überzeugten Darlegung des ersten Moments überhaupt keinen Zweifel gibt, dies bekräftigen zu müssen. Ferner ist die immerwährende Jungfrauschaft der Muttergottes von den Anfängen an Gegenstand ungezählter Verlautbarungen der Kirche, auch solcher feierlicher Natur. Für den Theologen kann es keinen Zweifel geben, daß auch in dieser Lehre ein Offenbarungselement ausgedrückt wird: er muß sie als de fide d.h. zum Glaubensgut unzertrennbar gehörend, zum Glauben verpflichtend, bezeichnen.

 

Die Aussagen des Lehramts der Kirche

Die jungfräuliche Empfängnis wird in den frühchristlichen Glaubensbekenntnissen in dem Moment schriftlich bezeugt, als sich das ursprünglich an Gott dem Schöpfer orientierte Bekenntnis um die Aussage von der Menschwerdung des Sohnes Gottes erweitert. Jesus wird dort als der vom Heiligen Geist und aus der Jungfrau Maria Geborene bezeichnet. Spätestens seit dem Beginn des 3. Jhs gehört diese Aussage zum Bestand der in der Liturgie gebräuchlichen Bekenntnisgebete. Sie wird dann auch von den konziliaren Glaubensbekenntnissen des 4. und 5. Jhs. übernommen. So erklärt das Konzil von Konstantinopel (381): "Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Hl. Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden." (Großes Glaubensbekenntnis der Messe).

Seitdem verschwindet dieses Bekenntnis nicht mehr aus dem Lehrgut der Kirche. Gegebenenfalls wird es lebhaft gegen Irrlehren verteidigt, was aus den Schriften katholischer Theologen in großer Regelmäßigkeit hervorleuchtet.

Die jungfräuliche Geburt ist eine Lehraussage, die sich seit dem 3. Jh. langsam in der Kirche ausbreitet. Als ersten deutlichen kirchenamtlichen Text muß hier ein Passus, von italienischen und afrikanischen Bischöfen der Lokalsynode im Lateran (649) vorgelegt, Erwähnung finden. Sein Hauptthema galt der Bekämpfung der Irrlehre des Monotheletismus. Indem sie sich gegen diese Irrlehre wenden, beschreiben sie vier Merkmale Marias:

"Wer nicht mit den heiligen Vätern im eigentlichen und wahren Sinne die heilige und immer jungfräuliche und unbefleckte (1) Maria als Gottesgebärerin bekennt, da sie eigentlich und wahrhaft das göttliche Wort selbst, das vom Vater vor aller Zeit gezeugte, in den letzten Zeiten, ohne Samen, vom Heiligen Geist empfangen (2) und unversehrt geboren (3) hat, indem unverletzt blieb ihre Jungfrauschaft auch nach der Geburt (4): der sei verurteilt."

Die lebenslange Jungfräulichkeit der Gottesmutter hat die Kirche seit alters festgehalten, auch wenn der eine oder andere Kirchenvater vor dem 4. Jahrhundert die gegenteilige Überzeugung nicht für glaubenswidrig hielt. Jedoch schon seit dem 4. Jh. nimmt diese Überzeugung im Ausdruck "semper virgo", d.h. immerwährende Jungfrauschaft, Gestalt an. Das 2. Konzil von Konstantinopel (553) verwendet ihn schon wie selbstverständlich in seinen Lehrdokumenten.

 

Die Christusbezogenheit des Glaubenssatzes

Die glaubensinhaltliche Eröffnung der kirchlichen Lehre über Maria muß davon ausgehen, daß die drei erwähnten Momente der Jungfräulichkeit nicht unmittelbar Maria, sondern der Absicherung des christologischen Dogmas: "Gott ist Mensch" dienen. Der zweite Artikel des Credo: "Und an Jesus Christus seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn" ist ein Christusbekenntnis. Offensichtlich aber konnten und wollten die alten Kirchenväter im Kontext der gegenwärtigen Erlösung die Geburt Jesu nicht erwähnen, ohne auf die Jungfrauenempfängnis zu sprechen zu kommen. Schon der Völkerapostel Paulus hat die Erkenntnis, daß der am Ostersonntag glorreich von den Toten Erstandene der Sohn Gottes war, bis an den Anfang des Lebens Jesu verlängert (Gal 4,4). Matthäus und Lukas greifen das bei ihm nur andeutungsweise Gesagte in den Einleitungen ihrer Evangelien auf in der Erzählung von der Geburt aus der Jungfrau. Die lehramtlichen Aussagen über Maria sind also ganz vom Osterereignis her und ganz christuszentriert zu verstehen. Erst sekundär dienen sie auch der Umschreibung der Bedeutung und der Persönlichkeit Marias, die diese in der Heilsgeschichte hat. Der gleiche Grund erklärt auch, weshalb die jungfräuliche Empfängnis erst spät in den Horizont der neutestamentlichen Schriften in Erscheinung tritt: das Nachdenken über Ostern führt allmählich zu den konkreten Aussagen über Maria. Weil die Mutter Christi heilsgeschichtliche Bedeutung hat, besagt der tiefere Inhalt dieser Lehre dann auch etwas über die anthropologische und religiöse Bedeutung der auf die sexuelle Selbstverwirklichung im anderen Geschlecht verzichtenden Existenz. Sie wird durch die Sätze von der geburtlichen und lebenslangen Jungfrauschaft der Mutter Jesu geklärt und vertieft. Diese haben also ihren Sinn in einer sich an Maria orientierenden christlichen Sicht des menschlichen Wesens.

 

Die Problematik des Glaubenssatzes und heutige Zweifel

Man kann nicht sagen, daß die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens in der Kirche fraglos gewesen sei; gerade in den ersten Jahrhunderten der Geschichte der Mariologie gab es nicht unerhebliche Irritationen. Dennoch ist spätestens seit der Mitte des ersten Jahrtausends aufs ganze gesehen die Lehre innerhalb der gesamten Christenheit unangefochten. Sie bleibt es auch über die Glaubensspaltungen des 11. und des 16. Jhs. Erst in der Neuzeit gerät sie unter Kritik. Diese setzt an verschiedenen Punkten an.

a) Vom naturwissenschaftlich-biologischen Denken her schien es unmöglich, daß menschliches Leben anders denn durch sexuelle Zeugung entstehen könne. Zudem sind wir in unserem wissenschaftsgläubigen Jahrhundert daran gewöhnt, als streng wissenschaftlich nur das zu akzeptieren, was im Labor bzw. in der Praxis unter denselben Voraussetzungen jederzeit nachvollziehbar oder multiplizierbar ist. Jungfrauengeburt ist jedoch weder nachvollziehbar, wissenschaftlich beweisbar, noch irgendwie wiederholbar. Sie ist an den einmaligen, unwiderruflichen Erlösungswillen Gottes gebunden und nur im Glauben faßbar.

b) Dem kommt hinzu, daß religionsgeschichtliche Erkenntnisse scheinbare Parallelen zur Jungfrauengeburt Marias bei heidnischen Autoren zutage förderten, wonach Jungfrauengeburten offenbar zu gängigen antiken Vorstellungen gehörten. Ohne Scham verfällt auch die katholische Exegese unserer Zeit vereinzelt dem Irrtum, Marias Jungfrauengeburt in die Reihe dieser heidnischen Götterwelt einzuordnen. Insbesondere extreme feministische Theologie knüpft an diesem fatalen Irrtum an und widersetzt sich so einer von Anfang an geglaubten Offenbarungswahrheit. Von der ernsten Theologie her ließen sich diese Einwände relativ leicht entkräften, denn zu den christlichen Grundüberzeugungen gehört jene von der Allmacht und Schöpferkraft Gottes. Nimmt man sie an und stellt man sich damit mitten in den Glauben hinein, gibt es keine ernstlichen Einwände dagegen, daß Gott zwar nicht die Naturgesetze aufhebt, sie aber dergestalt in den Dienst seines Willens nehmen kann, daß er die von ihm gewünschten Wirkungen hervorbringt.

c) Eine genauere Analyse der heidnischen "Jungfrauen"-Sagen zeigt, daß es sich bei den diesbezüglichen Berichten allenfalls um Analogien zum biblischen Bericht handelt. Wenn im Mythos ein Mensch aus einer Verbindung eines Mädchens mit einer "Gottheit" entspross, handelte es sich stets um eine sexuelle Verbindung, um eine in sich normale Zeugung, bei der irgend einer der vielen Götter den Part des menschlichen Mannes übernahm. Gerade dies aber schließen die Kindheitsevangelien und die gesamte spätere christliche Tradition aus.

d) Theologisch wesentlich ernster zu nehmen waren die Einwände, die sich von den Untersuchungen der historisch-kritischen Exegese aus erhoben. Sie versuchten nachzuweisen,

  • dasy die Kindheitsgeschichte keine "historischen Reports" sind;
  • dass der lebenslangen Jungfrauenschaft Marias von vielen Texten der Bibel widersprochen zu werden scheint;
  • dassendlich die Vorstellungen einer geburtlichen Unversehrtheit Marias den Aussagen über den Gottmenschen Jesus Christus widersprächen.


Ist die Jungfrauenempfängnis also eine nur-theologische Aussage, oder ist sie doch auch ein geschichtliches Ereignis? So stellt sich die Frage. In diesem Zusammenhang kann man wohl auch nicht ungerührt an der Tatsache vorbeigehen, daß heute sehr viele Katholiken keinerlei Zugang, Verständnis oder Bindung mehr zu diesem Glaubenssatz haben.

 

Argumente für die Jungfrauenlehre der Kirche

Es werden im allgemeinen folgende fünf Begründungen zur Stützung des Dogmas herangezogen:

  • Die Reinheit und Sündenlosigkeit Jesu wie auch Marias lassen es als notwendig erscheinen, daß seine Zeugung auf die direkte Einwirkung der Kraft Gottes zurückzuführen sei. Zu dieser Auffassung tragen auch viele offizielle liturgische Texte bei. (Vgl. die "Präfation von der sel. Jungfrau Maria" im dt. Meßbuch S. 419: "Vom Heiligen Geist überschattet, hat sie deinen eingeborenen Sohn empfangen und im Glanz unversehrter Jungfräulichkeit... geboren.")
  • Die Notwendigkeit eines Ausschlusses der Erbsünde von Jesus erfordert eine nichtsexuelle Zeugung.
  • Die sexuelle Zeugung hätte die radikale Verfügbarkeit Marias geschmälert und sie ins Partikuläre des Generationenprozesses versetzt. (H.U. v Balthasar).
  • Die wunderbare Empfängnis war für Maria und Josef ein Hinweis auf die Messianität ihres Kindes.
  • Als tiefster Grund wird angeführt, daß die Gottessohnschaft Jesu letztendlich diese Weise der Menschwerdung erforderlich mache. (Diese Aussage führt vor allem H.U. v. Balthasar ins Feld).


In seinem Buch "Die Tochter Zion" schreibt Ratzinger: "Die jungfräuliche Geburt ist der notwendige Ursprung dessen, der der Sohn ist, und der darin auch erst der messianischen Hoffnung einen bleibenden und über Israel hinausweisenden Sinn gibt."

 

Die Bedeutung des Glaubenssatzes

Ist Maria tatsächlich durch Überschattung des Hl. Geistes schwanger geworden, dann kann das mit empirischen (d.h. mit Methoden der Erfahrung durch Beobachtung und Vergleich) oder historischen Mitteln nicht nachgewiesen, aber auch nicht bestritten werden, weil sich das Wirken des Geistes Gottes unserer Erfahrung entzieht. Die jungfräuliche Empfängnis Jesu ist eine Aussage vom Horizont des Ostergeschehens aus. Wie der Überstieg aus der Geschichte in Gottes Herrlichkeit, ist auch sein Einstieg ein Geschehen, in dem der Gottessohn die Grenze menschlicher Erfahrbarkeit überschreitet. Diesen Weg zeichnet das biblische Verständnis über die jungfräuliche Empfängnis Jesu. Diese Dimension kann zwar nicht nachgewiesen, wohl aber glaubend akzeptiert werden, weil sich darin göttliches Handeln widerspiegelt. In Jesus Christus ist das Biologische geistig-geistlich, das Göttliche leibhaftig geworden. Grundlage des kirchlichen Glaubens über die Jungfrauengeburt ist also die Menschwerdung des Gottessohnes.

Bei der Betrachtung dieses marianischen Dogmas darf die in der Bibel sehr klar formulierte Wirkkraft des Geistes Gottes nicht übersehen werden. Die Schwangerschaft Marias wird durch den Hl. Geist bedingt. Dadurch erscheint der Heilige Geist, die Dritte Göttliche Person, in der Heilsgeschichte in Einheit und zugleich trinitätsentsprechender Verschiedenheit zum Vater und Sohn.

Seine Übernatürlichkeit wird dadurch hervorgehoben, daß er deutlich nicht als Mariens Partner, sondern als göttliche Ursache der Zeugung Jesu beschrieben wird. Seine Wirkkraft ist daher mit den Erdentagen Jesu nicht beendet. Indem er den Geist in seine Kirche sendet, lebt Jesus in ihr real weiter - die Kirche hingegen ist real sein Leib, Gottes Volk und Grundsakrament des Christusheils.

Nicht an letzter Stelle ist durch die jungfräuliche Zeugung Jesu auch die wesentliche Gestalt von Jungfräulichkeit sichtbar geworden. Ihr eigentlicher Sinn ist nicht negativ, die Enthaltsamkeit oder gar die Verweigerung der menschlichen Geschlechtlichkeit, sondern positiv, eine Bewahrung der eigenen Integrität und Menschlichkeit für eine andere Person, in unserem Falle die Dritte Göttliche Person, um für diese und mit dieser fruchtbar zu werden. Jungfräulichkeit ist Haltung, nicht Enthaltung. Sie hat also ihrem Wesen nach einen positiven Charakter.

Bei Maria geht die jungfräuliche Bewahrung nicht auf der biologischen Ebene in der Gemeinschaft mit einem anderen Mann auf, sondern auf der Ebene von Gnade und Glaube in der Gemeinschaft mit Gott. Jungfräuliche Mutterschaft ist unter diesem Aspekt kein Widerspruch, keine Zusammenbindung widerstrebender Sachverhalte, sondern eine durchaus sinnenhafte und innerhalb des göttlichen Heilsplanes auch (theo-)logische Folgerung aus dem

Wesen menschlicher Jungfrauschaft überhaupt. Genau diese Kompromißlosigkeit zeichnet Maria vor allen anderen Menschen aus. Die aus ihrer Erwählung sich ergebende intensive Hinwendung zu Christus, ja Jüngerschaft und Nachfolge überhaupt, sind grundsätzlich, im Fall Marias auch tatsächlich, total. Sie macht ihre Zusage an Gott und damit ihre Mütterlichkeit zu ihm in keinem Moment mehr Rückgängig. Sie bleibt vollkommen in Gottes Gnade.

Erst recht gilt das von der Dimension der jungfräulichen Geburt. Sie ist gleichfalls ein Ausdruck für die vollendete Jüngerschaft, in der die endgültige Bestimmung des Menschen ausreift und sich im Eingehen zu Gott verwirklicht.

Auch hier gilt der alte Grundsatz: Was nicht von Christus aufgenommen wird, das wird auch nicht erlöst. Gerade in der Geburt des Gottessohnes erweist sich Maria als echte Partnerin im Heilsplan Gottes.

 


2. Lehrsatz: : "MARIA WURDE OHNE MAKEL DER ERBSÜNDE EMPFANGEN"

 

Die marianischen Dogmen wurden nicht zufällig als verbindlich definiert. Seit der Zeit der Apostel, dieselben eingeschlossen, geglaubt, wurden sie in die mündliche Weitergabe des Evangeliums Jesu Christi miteinbezogen und gelehrt. Erst als verschiedene Irrlehren die wahre Menschheit Christi zu leugnen begannen, führte dies folgerichtig auch zur Leugnung der wahren Mutterschaft Mariens. Jedoch auch umgekehrt läßt sich feststellen: Die später folgende Leugnung der wahren Gottheit Christi führte geradewegs zur Verneinung der Gottesmutterschaft Mariens. Die Gottesmutterschaft Mariens wurde ausdrücklich von den Nestorianern bestritten, die Maria den Titel "Gottesgebärerin" aberkannten und sie nur als "Menschengebärerin" sehen wollten. In dieser geschichtlichen Entwicklung wird schon fürs erste klar, daß man die marianischen und christologischen Dogmen nicht voneinander trennen und einzeln behandeln kann, zieht doch die Leugnung des einen unweigerlich auch die Verneinung des anderen mit sich. Eine Tatsache, die wir auch in unseren Tagen auffällig bemerken können.

 

Maria ist heilig und sündenlos

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt über Maria (Lumen Gentium 56): "Sie umfing den Heilswillen Gottes mit ganzem Herzen und von Sünde unbehindert und gab sich als Magd des Herrn ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin und diente so unter ihm und mit ihm in der Gnade des allmächtigen Gottes dem Geheimnis der Erlösung. Mit Recht sind also die heiligen Väter der Überzeugung, daß Maria nicht bloß passiv von Gott benutzt wurde, sondern in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt hat."

 

Die Auserwählung Marias

Heiligkeit ist im eigentlichen Sinne des Wortes eine Ur-Eigenschaft Gottes. "Denn Du allein bist der Heilige", beten wir im Gloria der hl. Messe. Er ist der Heilige in und aus sich selbst! Im abgeleiteten Sinn bezeichnet man sodann mit "heilig" jene Ebene der Menschen, auf der sie in einer bestimmten Nähe zu Gott stehen. Der Mensch kann sich, anhand seines freien Willens, ändern, währenddessen der Heilswille Gottes uns gegenüber unverändert bleibt. Erreicht der Mensch nun eine "gottähnliche" unveränderte Ebene in seiner Gottesbeziehung, welche nie auf der Leistung des Menschen, sondern immer auf der Gnade Gottes aufruht, so sprechen wir von einem besonderen Ruf Gottes, einem Charisma oder von der Heiligkeit eines Menschen. Auch Paulus nennt schon seine Adressaten "Heilige" (vgl. dazu Röm 1,7; 15,25; 1 Kor 1,2,; 16,1.15; 2 Kor 8,4). Hier ist an zweierlei gedacht: an die Heiligkeit, die jedem Menschen innewohnen muss anhand seiner Taufe (= Auserwählung in Tod und Auferstehung Jesu) und an den eben erwähnten besonderen Ruf Gottes zur Heiligkeit.

Unter diesen Aspekten wird die kirchliche Überzeugung von der Heiligkeit und Sündenlosigkeit der Gottesgebärerin verständlich.

Die Berufung Marias zur Gottesmutterschaft als Gottesgebärerin ist eine in der Heilsgeschichte einmalige Erwählung. So definiert schon das Konzil von Ephesus (431) gegen die Irrlehre des Nestorius das Dogma (de fide/zum Glauben verpflichtend): "Wenn jemand nicht bekennt, dass Christus in Wahrheit Gott ist und dass deswegen die Heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist - denn sie hat dem Fleische nach den aus Gott stammenden fleischgewordenen Logos [das "Wort"] geboren -, so sei er im Banne." Sämtliche folgenden Konzile bestätigten diese Lehre des Epheser Konzils. Dieses Dogma umfasst zwei Wahrheiten:

a) Maria ist wahrhaft Mutter und

b) Maria ist wahrhaft Gottesmutter, da sie den Sohn Gottes geboren hat.

Die heilige Sündenlosigkeit Marias ist also ganz und gar eine Tat Gottes selber. Reden wir also von der Heiligkeit, von den Vorzügen, ja von der der kindlichen Hingabe an die Mutter Jesu, dann ist dies in letzter Instanz ein Loblied auf die Heiligkeit Gottes, ein Dank an die Erwählung und die Erlösung durch Jesus Christus, die Zweite Göttliche Person.

 

Die Würde Marias entspringt ihrer Erwählung

Der hl. Thomas von Aquin bezeichnet die Würde Marias in einem gewissen Sinn als "unendlich", ist sie doch anhand ihrer Auserwählung durch den Vater in der Kraft des Heiligen Geistes zur Mutter einer unendlichgen Person, der Zweiten Göttlichen Person geworden. (Vgl. S.th. I 25,6 ad 4). Die Kirchenväter loben Maria in erhabenen Versen und Lobgesängen, in Predigten und Schriften als ihre Herrin und Königin. "Fürwahr, im eigentlichen und wahren Sinne ist sie Gottesgebärerin und Herrin; sie gebietet über alle Geschöpfe, da sie zugleich Magd und Mutter des Schöpfers ist" (Johannes Damascenus, De fide orth. IV 14).

Wir sagten oben, dass die Heiligkeit des Menschen von der Nähe zu Gott abhängig ist. Dies bezieht sich in eminentem Masse auch auf seine Würde. Maria hat diese Würde in Demut angenommen und preist ihre Nähe zu Gott im Magnifikat: "Herabgeschaut hat der Herr auf seine niedrige Magd, darum werden mich seligpreisen alle Geschlechter."

 

Die Gnadenfülle Marias

Biblisch angedeutet ist die Gnadenfülle Marias im Gruss des Engels: Gegrüsset seist Du, Maria, "Du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir!" Aus dem Alten Testament wissen wir, dass nur Gott allein sich das Prädikat: "Ich bin der »Ich-bin«", der ewig in der Gegenwart Lebende, zulegte. Der ganze Zorn der Pharisäer ergoss sich des öfteren auf Jesus ob seiner "Anmassung", dasselbe Wort auch auf sich zu bezihen: "Ich bin... das Brot des Lebens, ...der Weg, das Leben und die Wahrheit, ...der gute Hirte". Nun aber verwendet der Engel eine fast ähnliche Ansprache: "...Maria, »Du bist« voll der Gnaden, der »Ich-bin« ist bei Dir"!

Der hl. Thomas von Aquin begründet die Gnadenfülle Marias so: "Je näher etwas einem Prinzip steht, umso mehr empfängt es von der Wirkung des Prinzips. Maria steht aber unter allen Geschöpfen Christus, der Urgrund der Gnade ist, als seine Mutter, körperlich und geistig am nähesten. Folglich musste sie von ihm das höchste Mass der Gnaden empfangen. Die Bestimmung Marias, die Mutter des Sohnes Gottes zu werden, erforderte eine besonders reiche Gnadenausstattung" (S.th. II 27,5).

Der Kirchenlehrer Ephräm überliefert uns den Glauben der ersten christlichen Jahrhunderte über Maria (Carm. Nisib. 27): "Du und Deine Mutter, ihr seid die einzigen, die in jeder Hinsicht ganz schön sind; denn an dir, o Herr, ist kein Flecken; und kein Makel an Deiner Mutter." Und weiter heisst es bei demselben Kirchenvater, dass Maria ein Abbild Evas in ihrer Reinheit vor dem Sündenfall sei, ein Gegenbild jedoch, insofern Eva, nach dem Bericht der Bibel, die Ursache des Verderbens, Maria die Ursache des Heiles geworden ist. "Zwei unschuldige, zwei Einfache: Maria und Eva, waren sich ganz gleich. Später jedoch wurde die eine Ursache unseres Todes, die andere Ursache unseres Lebens" (Op. syr. II 327).

Wir sollten uns in einer Zeit, in der man sich gerne auf das Urchristentum bezieht, die Worte der Kirchenlehrer der ersten christlichen Jahrhunderte mehr und öfter ins Gedächtnis rufen!

 

Maria ist von der Erbschuld bewahrt geblieben

Die beiden neuzeitlichen Mariendogmen von der Unbefleckten Empfängnis und der Aufnahme Mariens in den Himmel können nicht auf empirisch nachprüfbare Tatsachen zurückgeführt werden. Sie knüpfen aber an die Realität der historischen Existenz Marias an.

Papst Pius IX. hat am 8. Dezember 1854 den Glaubenssatz: "Maria wurde ohne Makel der Erbsünde empfangen" im päpstlichen Rundschreiben "Ineffabilis" als von Gott geoffenbarte und darum von allen Gläubigen fest und standhaft zu glaubende Lehre definiert:

"Die seligste Jungfrau Maria wurde im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, rein von jedem Makel der Erbschuld bewahrt."

Der "erste Augenblick" der Empfängnis ist jener Zeitpunkt, in dem jede einzelne Seele, von Gott neu und einmalig erschaffen, dem von den Eltern gezeugten Leib eingegeben wird. Im allgemeinen wird die erste Zellteilung nach der Befruchtung als dieser Zeitpunkt angesehen. "Erbsünde" wiederum besagt den Mangel an heiligmachender Gnade, der allen Menschen in und durch die Zeugung weitergegeben wird und vom Sündenfall Adams herrührt. Maria blieb, so sagt dieser Glaubenssatz der Kirche, vor diesem Mangel bewahrt, so dass sie im Zustand der heiligmachenden Gnade ins menschliche Dasein trat. So hat sich Gott einen für ihn würdigen Weg zu den Menschen selbst gebahnt.

Auch das Protoevangelium (Gen 3,15) stellt Maria als jene Frau in die Mitte der kommenden Generationen, die in einem unüberwindbaren Gegensatz, ja Feindschaft, dem Geist des Hochmuts, dem Satan, entgegensteht. Jeder Hochmut muss an ihr zerbrechen, jeder Stolz zuschanden werden. Dieser Gegensatz bezieht sich sowohl auf ihre Nachkommenschaft als auch auf die des Satans, dem "Vater der Lüge von Anbeginn" (vgl. Joh 8,44). So besteht denn auch der grösste Triumph des Urprinzips der Sünde und der Verführung, des Satans, darin, die Menschen von der Heiligkeit und Reinheit Marias wegzuführen, was ihm im Laufe der Geschichte nicht selten auch gelungen ist. Der Triumph Marias jedoch ist vorausgesagt: Sie wird ihm den Kopf, den Sitz des Hochmuts und des Stolzes, zertreten. Zusammen mit Christus ist sie von Gott, dem Vater, zu einer vollendeten und siegreichen Feindschaft mit der Sünde berufen. Der Sieg Marias aber wäre kein endgültiger gewesen, wenn sie jemals, und sei es nur einen Augenblick lang, unter der Sünde gestanden hätte.

 


3. Lehrsatz:: "MARIA WURDE MIT LEIB UND SEELE IN DEN HIMMEL AUFGENOMMEN"

 

Die Gnadenvermittlung durch Maria

Seit dem sechsten Jahrhundert schon findet sich dieser Glaubenssatz in der theologischen Überlieferung vor. Papst Pius XII. verkündete in seiner Konstitution "Munificentissimus Deus" am Allerheiligentag des Jahres 1950 das Dogma:

"Nachdem Wir nun immer wieder inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, in der Kraft der Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht: es ist eine von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit, dass die unbefleckte, immer jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen ist."

Vorgängig hatte Papst Pius XII. am 1. Mai 1946 an alle Bischöfe des Erdkreises die offizielle Anfrage gerichtet, ob sie und ihr Volk die feierliche Definition der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel wünschten. Fast alle Bischöfe der Welt hatten zustimmend geantwortet (ihre Namen sind in der Peterskirche zu Rom in der Apsis angebracht). Schon in seiner berühmten Enzyklika "Mystici Corporis" (1943) schreibt derselbe Papst, dass es von den Anfängen an zum Glaubensgut gehöre, dass Maria "jetzt im Himmel in der Herrlichkeit des Leibes und der Seele erstrahlt und zugleich mit ihrem Sohne herrscht".Tod und Zerfall des Leibes sind Straffolgen der Sünde. Maria aber ist die Unbefleckt Empfangene, die Sündenlose und Heilige. So war es nur geziemend, dass ihr Leib vor der allgemeinen Auflösung ausgenommen wurde.

 

Die Gnadenvermittlung durch Maria

In den Himmel aufgenommen, herrscht Maria mit Christus, ihrem göttlichen Sohne. Obwohl Christus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist (vgl. 1 Tim 2,5), so ist doch dadurch eine sekundäre, der Erlösung durch Jesus Christus unterworfene Mittlerschaft Marias nicht ausgeschlossen. Man wird in einem zweifachen Sinne Maria als Vermittlerin verehren.

  1. Maria hat, durch den Willen Gottes dazu auserkoren, der Welt den Erlöser, die Quelle der Gnaden, vermittelt.
  2. Maria bleibt auch im Himmel die Mutter Jesu. Daher wird seit ihrer Aufnahme in den Himmel keine Gnade ohne ihre aktuelle Fürbitte den Menschen zuteil.


Hier sei ein Blick in unsere Schwesterkirche, in die Kirchen der Orthodoxie, erlaubt. Die fast überschwenglichen Marienhymnen kreisen um Empfängnis und Geburt Jesu und bringen Maria das höchste Lob dar. Als Beispiel diene der Hymnos Akathistos, der mit der Begegnung des Engels Gabriel mit Maria beginnt und zur Verherrlichung Marias im Himmel führt. Auffällig ist dabei, dass die lange Reihe der Lobpreisungen Marias zwar immer deutlich in Beziehung zum Geheimnis der Menschwerdung gestellt werden, Maria jedoch hin und wieder zugeschrieben wird, was streng genommen nur von Christus selber zu sagen wäre. So zum Beispiel gleich in der erstem Strophe dieses östlichen Marienhymnus:

"Sei gegrüsst, durch dich leuchtet das Heil hervor;
sei gegrüsst, dunkel wird das Unheil vor Dir!
Sei gegrüsst, den gefallenen Adam richtest Du wieder auf;
sei gegrüsst, von ihren Tränen erlösest du Eva.
Sei gegrüsst, allem menschlichen Überlegen hoch überlegen bist du;
sei gegrüsst, so abgrundtief erschauen dich die Engel nicht einmal.
Sei gegrüsst, von Uranfang des Friedensfürsten Thron;
sei gegrüsst, denn du trägst den, der alles erträgt.
Sei gegrüsst, du Stern, der offenbart die Sonne;
sei gegrüsst, aus deinem Leib ward Gott der Menschensohn.
Sei gegrüsst, aus Dir wird die Schöpfung neu geboren;
sei gegrüsst, durch dich wirkt der Schöpfer ungeboren als Kind.
Sei gegrüsst, du jungfräuliche Mutter!"

Noch weiter wagt sich im Lobpreis Marias die sechste Strophe:

"Sei gegrüsst, du erneuerst die Würde des Menschen;
sei gegrüsst, zu Grunde gehen lässt du die Verführer.
Sei gegrüsst, zertreten hast du den betrogenen Betrüger;
sei gegrüsst, die vergötterten Abgötter hast du entthront.
Sei gegrüsst, du Meer, das verschlungen die Welt der Pharaonen;
sei gegrüsst, du Fels, daran getrunken, die nach Leben dürsten.
Sei gegrüsst, Flammenzeichen, welches die Umnachteten geführt;
sei gegrüsst, du Schutzmantel um aller Welt Drangsal.
Sei gegrüsst, du Nahrung, die das Manna abgelöst;
sei gegrüsst, denn du dienst uns mit heiliger Speise.
Sei gegrüsst, du Land der Verheissungen;
sei gegrüsst, daraus Milch und Honig fliesst
Sei gegrüsst, du jungfräuliche Mutter!"

 

 

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